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Gabriel García Márquez und seine Romane
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Seite 1 von 1

Autor:  Petra [ So 11. Jun 2017, 20:42 ]
Betreff des Beitrags:  Gabriel García Márquez und seine Romane

Hallo zusammen,

kürzlich habe ich "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez gelesen, und war verzaubert von diesem Autor. Seine Bücher geben viel Raum für Gedanken und dafür möchte ich hier einen Platz einrichten.

Meine Lese-Eindrücke zu "Hundert Jahre Einsamkeit", über die ich im aktuellen "Ich lese gerade..."-Thread in den letzten Tagen sporadisch berichtet hatte, zitiere ich nachstehend. Und in einem zweiten Beitrag poste ich eine Namensliste, die ich erstellt habe um einen Überblick über die Figuren zu behalten. Und auf einen Artikel zur Neuübersetzung von Dagmar Ploetz möchte ich hier an dieser Stelle auch aufmerksam machen, den Maria entdeckt und hier verlinkt hat (Danke fürs raussuchen, Maria). Er beschreibt auch ganz wundervoll Gabriel García Márquez‘ besondere Erzählweise in diesem Roman.

Ich hoffe, dass sich hier über die Zeit weitere Leseeindrücke sammeln werden.

Nun aber erst mal meine Leseeindrücke - ich las die Übersetzung von Curt Meyer-Clason:

Petra hat geschrieben:
Ein weiteres Buch, das in meinem Regal schon lange auf meine Aufmerksamkeit gewartet hat, lese ich nun endlich: “Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez.

Es ist in vielfacher Hinsicht genau der richtige Zeitpunkt für das Buch. Ich wollte es unbedingt in einem Sommer lesen (am Montag wo ich begann war der heißeste Tag bisher in diesem Sommer) und ich ahnte dass ich dafür einen Zeitpunkt wählen sollte in dem ich ausgeruht und aufnahmefähig bin. Ideal ist der Zeitpunkt aber auch, da sich die Erstveröffentlichung des Romans, der dem kolumbianischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger zu Weltruhm verhalf, dieses Jahr zum 50. Mal jährt.

García Márquez erzählt die Geschichte der Familie Buendía, ihres Aufstiegs und Niedergangs, und von der Gründung des Dorfes Macondo zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Leser wird direkt hineingestürzt in die Handlung, die keiner Chronologie folgt, und aufmerksames Lesen erfordert. Auch weil die Namen der Figuren über Generationen hinweg mehrfach belegt sind. Es gibt den Gründer des Dorfes José Arcadio Buendía, seine Söhne José Arcadio und Aureliano, weitere hinzukommende „Kinder“, von denen einer den Namen José Arcadio erhält jedoch nur Arcadio gerufen wird, um Verwechslungen zu vermeiden, und so geht es weiter. Größte Aufmerksamkeit ist dadurch gefragt, diese Besonderheiten üben jedoch auch einen besonderen Reiz aus.

Ebenso der magische Realismus, zu dessen Prägung García Márquez in seinen Romanen beitrug. Während des Lesens nimmt man die magischen Elemente hin, stellt sie nicht in Frage. Denn für die Figuren gehören sie zum Leben dazu, und so auch für den Leser. Doch auch der unermüdliche Forschergeist des Familienoberhauptes José Arcadio Buendía greift auf den Leser über. So nimmt man vieles hin was geschieht oder scheinbar geschieht, und dann wiederum fragt man sich doch, wie viel Wahrheit in dem ein oder anderen Erlebnis steckt. So fertigt der mit Buendía befreundete Melchíades eine Daguerreotypie an, und Buendías Frau gibt den Kindern vor der fotografischen Aufnahme einen Löffel Marksaft, damit sie während der Zeit die es dauert, bis sich das Foto manifestiert, stillsitzen. In dieser Weise vermischen sich Aberglauben und wahre Entdeckungen; für die Figuren ist die Fotografie ein Akt der Magie, für den Leser nicht, doch das Verabreichen des Marksaftes ist für die Figuren etwas real wirkendes, für den Leser hingegen Aberglaube. So vermischt Márquez beides auf wunderbare Art!

Auch die Art wie die Bewohner des Dorfes Macondo der Schlafkrankheit begegnen, die offenbar ansteckend ist, und denjenigen die befallen sind jeglichen Schlafes beraubt, und schließlich auch der Erinnerung, lässt zunächst vermuten, dass hier Einbildung und Aberglaube die Oberhand haben. Spricht gleichzeitig aber auch den Forschergeist an, und veranlasste mich zum nachforschen, was genau dahinter steckt. Und ich stieß auf einen interessanten Artikel im Spiegel.

Eine schillernde, magische Geschichte, die schwindelig macht. Der Aufbau fasziniert mich zudem. Schwer vorstellbar, wie sich Gabriel García Márquez in dieser Geschichte noch zurechtfand, und es auch dem Leser ermöglicht. Trotz der vielfach besetzten Namen, der nicht vorhandenen Chronologie der Ereignisse und der Vermischung von Realem und Surrealem. Fantastisch!

Zum Aufbau gibt es auch interessante Informationen in einem Artikel bei Wikipedia, der Aufschluss über den biblischen Aufbau der Handlung gibt. Interessant! Weiß man darum, liest sich der Roman doppeldeutig. Und da die Geschichte des Dorfes Macondo auch die Geschichte Lateinamerikas widerspiegeln soll, sogar in einer dritten Dimension. Ich bin gespannt auf den weiteren Verlauf der Handlung, und auf die Eindrücke, die sie bei mir hinterlassen wird.

Ein biblisches Element findet sich im ersten Teil auch in dem Mord (eine Art Sündenfall), der dazu führt, dass die Familie Buendías die Heimat verlässt (das Gewissen vertreibt sie), und sich schließlich woanders niederlässt, und dort das Dorf Macando gründet. Natürlich verleitet der Roman auch dazu, mehr über das fiktive Dorf Macondo zu erfahren, das García Márquez‘ Heimatort Aracataca nachempfunden ist. Auch dazu lässt sich allerhand interessantes und wissenswertes im Netz finden, um nur ein Beispiel zu nennen setze ich hier einen Link zu einem Artikel. Ganz frei erfunden ist der Name Macondo allerdings nicht, denn er ist einem Schild einer Bananenplantage entnommen. Das konnte ich diesem interessanten Artikel entnehmen.

Was für ein vielschichtiges Buch!

Bald (am 08.06.2017) erscheint bei Kiepenheuer & Witsch anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Romans eine Neuübersetzung. Der Verlag schreibt, dass es sich bei der Übersetzerin Dagmar Ploetz um eine García-Márquez-Spezialistin handelt. Ich bin neugierig auf diese Neuübersetzung, und werde bei Gelegenheit interessehalber rein lesen. Ich lese die Übersetzung von Curt Meyer-Clason, mit der ich (auch) mangels Vergleich sehr zufrieden bin. Als ich vor ein paar Jahren den Roman kaufte, entschied ich mich für die gebundene Ausgabe von Kiepenheuer & Witsch in der auf dem Foto zu sehenden Ausstattung, denn ich hatte mich in diese Ausgabe verliebt. Sowohl in das Cover, das für mich den Handlungsort so passend widerspiegelt. Als auch in den Einband, den die eingeprägte Signatur des Schriftstellers ziert. Ein passendes Lesezeichen habe ich auch zu dem Buch ausgewählt. Ein kleiner Spleen von mir.

Bild


Petra hat geschrieben:
Hallo zusammen,

die Welt Macondos in "Hundert Jahre Einsamkeit" faziniert mich mehr und mehr. Ich kann mich verlieren in dieser Geschichte, so wunderschön ist sie!

Und inzwischen wird klar, warum sich in Macondos Geschichte gleichzeitig die Geschichte Lateinamerikas widerspiegelt. Toll!

Und absolut berauschend ist, wie selbstverständlich García Márquez in die Geschichte einsteigt, drauflos fabuliert was das Zeug hält, und sich immer noch auskennt in seiner erzählten Geschichte, wenn man als Leser schon alle Sinne beisammen halten muss, um den Überblick nicht zu verlieren. Bewundernswert und faszinierend!

Und der magische Realismus begegnet einem hier in schönster Form!

Auch an gelegentlichem Humor lässt es das Buch nicht fehlen.

Ein absolutes Lesevergnügen! Aber meine Warnung bleibt: Dafür braucht es den richtigen Zeitpunkt!


Zitat:
“Hundert Jahre Einsamkeint“ habe ich beendet, und ich bin voller Eindrücke, die ich festhalten möchte:

Schon Ursula (Familienoberhaupt der Familie Buendía) beschlich oft das Gefühl, dass die Zeit nicht fortlaufend, sondern im Kreise verläuft. Und auch die Kartenleserin Pilar Ternera hat keine Mühe in den Buendías zu lesen, weil sich deren Besessenheiten und Leidenschaften von Generation zu Generation wiederholen.

So wundert es denn auch nicht, warum Gabriel García Márquez sich dagegen entschieden hat, jedem Abkömmling der Buendías einen individuellen Namen zu geben. Er macht das nicht etwa aus Mühelosigkeit oder um sich einen Spaß mit dem Leser zu erlauben. Er nutzt die Namensähnlichkeiten dazu, die Gemeinsamkeiten der Familienmitglieder der unterschiedlichen Generationen aufzuzeigen. Ihm gelingt es, dass man sie mehr und mehr miteinander vermischt. Er legt sie übereinander. Und nicht nur die Lebenden, nein, auch die Toten. So wird die Namensgleichheit umso verwirrender, wenn sich zu den noch lebenden Buendías im Fortlauf der Geschichte immer wieder auch Verstorbene mischen. Alles legt sich übereinander. Die Generationen, und die Zeiten, obwohl er zumeist fortlaufend (bis auf ein paar Rück- oder Vorgriffe) erzählt. (Einem seiner Geister bin ich auf den Leim gegangen. Er war, glaubhaft, als in einem fernen Land gestorben geschildert; als er dennoch zurückkehrt, dachte ich, er habe das Fieber, dem er erlegen sein soll, doch überlebt. Erst sehr spät begriff ich, dass er nur als Geist einigen Buendías erschienen war. Sehr kunstvoll!)

Um der Handlung möglichst gut folgen zu können, habe ich mir alle Namen und die familiären Verbindungen beim Lesen notiert (das hat mir Spaß gemacht, da ich eine diebische Freude an García Márquez‘ Namensverwirrungen hatte). Die Notizen werde ich abtippen, um sie hier im Forum zur Verfügung zu stellen. Vielleicht helfen sie jemandem irgendwann den Überblick beim Lesen des Romans zu behalten.

Zum Schluss hin wird der Flecken Erde, den die Gründer hundert Jahre zuvor dem Urwald abgetrotzt haben, von der Natur zurückerobert. Das Dorf befindet sich im Verfall, Unkraut und Gewächse durchwuchern die Häuser, die Ameisen zerfressen alles Gebälk, und entreißen so den übrig gebliebenen Menschen (die der Plage nicht mehr Herr werden) die Häuser. Und in einem hellsichtigen Moment wird Aureliano folgendes bewusst: „…, daß sie sich weiterhin in ihrer Natur als Gespenster lieben würden, lange nachdem andere Arten künftiger Tiere den Insekten das Elendparadies entrissen haben würden, das eben diese Insekten vollends den Menschen entrissen.“ Hierin finden sich zwei Motive des Romans: Das Aufzeigen der Natur, und deren ewigen Fortlauf. Und parallel den ebenfalls ewigen Fortlauf der Seelen. (Ich habe bewusst verkürzt zitiert, weil sich die gesamte Bedeutung dieser dort geschilderten Erkenntnis nur in Verbindung mit dem zuvor gelesenen Roman ergibt.)

Aureliano (der letzte) entschlüsselt überdies in dem Moment die Prophezeiungen des die Familie Buendía durchs Jahrhundert begleitenden Zigeuners Melchíades in dem Moment, als ein gewaltiger Sturm das bereits marode Dorf vollends zerstört. Wie man vielleicht sein eigenes Leben, und alle Rätsel unserer Existenz erst mit dem Eintritt des Todes versteht, erschließen sich Aureliano in dem Moment, wo ihm klar wird, dass ihn der Sturm tötet, Melchíades Prophezeiungen über seine Familie und ihn selbst.

Autor:  Petra [ So 11. Jun 2017, 20:45 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Gabriel García Márquez und seine Romane

Es gibt bei Wikipedia einen Stammbaum der Familie Buendía. Ein sehr gutes Schaubild, das eine umfassende Übersicht über die Familienmitglieder (und weitere Figuren) gibt.

Während des Lesens habe ich die im Roman auftauchenden Mitglieder der Familie Buendías auch selbst aufgeschrieben, chronologisch nach ihrem auftauchen in dem Roman geordnet. Mir haben die Notizen zusätzlich geholfen mich in den Familienverhältnissen zurechtzufinden, und ich möchte mit Euch die vielfältigen Verbindungen (teilweise inzestuös) teilen.

Auflistung der Mitglieder der Familie Buendía:

José Arcadio Buendía & Ursula Iguarán (Familienoberhäupter und Gründer des Dorfes Macondo)

José Arcadio (deren erstgeborener Sohn)
Oberst Aureliano Buendía (deren zweiter Sohn)
Amaranta (deren Tochter)
Rebeca (deren angenommenes Kind, Eltern unbekannt im Sack voller Knochen)

Arcadio (unehelicher Sohn von José Arcadio & Pilar Ternera)

Aureliano José (unehelicher Sohn von Oberst Aureliano Buendía & Pilar Ternera)

Oberst Aureliano Buendía & Remedios Moscote (keine Kinder)

Arcadio & Santa Sofía von der Frömmigkeit (Eheschließung?)

Remedios die Schöne (Tochter von Arcadio & Santa Sofía von der Frömmigkeit)
José Arcadio Segundo (Zwillingsbruder von Aureliano Segundo, vielleicht vertauscht)
Aureliano Segundo (Zwillingsbruder von José Arcadio Segundo, vielleicht vertauscht)

Aureliano Segundo & Petra Cotes (Geliebte)
Aureliano Segundo & Fernanda del Carpio (verheiratet)

José Arcadio (Sohn von Aureliano Segundo & Fernanda del Carpio)
Renata Remedios (Rufname: Renata, Kurzname: Meme, Tochter von Aureliano Segundo & Fernanda del Carpio)
Amaranta Ursula (spätere Tochter von Aureliano Segundo & Fernanda del Carpio)

17 Söhne des Oberst Aureliano Buendía, alle heißen Aureliano plus Nachnamen der jeweiligen Mutter (alles verschiedene), 5 davon werden namentlich erwähnt:

Aureliano Triste
Aureliano Centeno
Aureliano Serrador
Aureliano Arcaya
Aureliano Amador

Meme & Mauricio Babilonia (Memes Geliebter)

Aureliano (verstecktes uneheliches Kind von Meme & Mauricio)

Amaranta Ursula & Aureliano (verbotene Liebschaft)

Rodrigo oder Aureliano, auf Name konnte sich nicht mehr geeinigt werden (Sohn der Liebenden Armaranta Ursula & Aureliano)

Autor:  Hermy [ Di 13. Jun 2017, 14:46 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Gabriel García Márquez und seine Romane

DAnke, liebe Petra, ich werde demnächst mir das neue Hörbuch gesprochen von Ulrich Noethen, auf die Ohren setzen. Obgleich ich 100 Jahre Einsamkeit schon vor Jahren zweimal (oder doch mehrfach) gelesen habe, an alle Familienmitglieder erinnere ich mich nicht mehr. Deine Zusammenfassung wird mir gute Dienste leisten.

Autor:  Barbara [ Mi 14. Jun 2017, 07:33 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Gabriel García Márquez und seine Romane

Liebe Petra,

ganz lieben Dank für die Mühe, hier alle Personen aufzulisten.

Beim Lesen diverser Russen, ist dies zum Beispiel auch unverzichtbar. Dort ist es dann nicht die Ähnlichkeit der Namensgebung, sondern die Nutzung diverser Kosenamen, die die Zurodnung oftmals erschwert.
Das eine oder andere Buch lieferte die Personenangaben oder Stammbäume bereits mit. Die Autoren wussten warum?

Wenn ich das Buch mal lese, erinnere ich mich hoffentlich an Deine Auflistung hier. Dann werde ich sie mir ausdrucken.

Vielen Dank.

Autor:  Petra [ Do 15. Jun 2017, 14:08 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Gabriel García Márquez und seine Romane

Hallo zusammen,

es freut mich sehr, dass sich meine Auflistung der Namen als hilfreich erweisen könnte. Und dann so bald schon, da Du in beabsichtigst bald die ungekürzte Lesung von Ulrich Noethen zu hören, liebe Hermy. Ich habe das auch in nicht allzu weiter Ferne vor, und werde mir meine Notizen selbst dann auch wieder hinzuziehen, um leichter den Durchblick zu behalten. Du schreibst, dass Du den Roman schon mehrfach gelesen hast. Das lässt mich vermuten, dass "Hundert Jahre Einsamkeit" auf Dich auch eine besondere Faszination ausgeübt hat. Das freut mich! :schwaermt:

Ja, liebe Barbara, die Russen können das auch gut! :nicken_freudig:
Aber so auf die Spitze getrieben wie in "Hundert Jahre Einsamkeit" habe ich das noch nie erlebt. Da steckte ihm teils auch der Schalk im Nacken (vertauschte Zwillinge hat er auch noch auf Lager, aber mehr sei nicht gesagt :mund_zu: ). Herrlich!

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