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 Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein 
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Registriert: Mo 31. Mär 2008, 11:07
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

Petra hat geschrieben:
Und zuvor noch in Kapitel 44 (bzw. 43) dieses Zwischenspiel auf dem Lande. Wie Eva Kluge jetzt lebt. Und wie sie sich Kuno-Dieters annimmt. Ich kann ihr Gefühl so gut verstehen, dass sie hofft an und mit ihm etwas wieder gutzumachen, was ihr Karlemann angerichtet hat. Ich denke Fallada möchte mit Kuno-Dieter einen kleinen Hoffnungsschimmer, einen Lichtblick setzen. Mich würde nicht wundern, wenn die Überschrift des letzten Kapitels ("Der Junge") ihm gilt. Erst dachte ich, dass Anna und/oder Otto im Tode ihrem Ottochen wiederbegegnen. Aber seit dem Kapitel über Eva und Kuno-Dieter glaube ich, das letzte Kapitel gilt ihnen. Die anderen kommen von den Überschriften her kaum in Frage. Und dass Fallada das Schicksal der beiden ganz offen lässt, glaube ich nicht.



dieses Zwischenspiel fand ich sehr berührend und kann man wohl als einzigen Hoffnungsschimmer in diesem Elend sehen; mehr kann man nicht erwarten.

Ich werde mir Eva im inneren Blick behalten beim Weiterlesen, denn nun hat die Gestapo Anna Quangel mit dem Krankenwagen abtransportiert und Otto Quangel festgenommen, da ist mir Eva Kluge ein Anker in all dem Kommenden.

Es ist quälend.


Steffi hat geschrieben:
Ich sehe es aber so, dass Fallada nicht eine Realität darstellen wollte sondern bestimmte Typen und Verhaltensmuster aufzeigen. Somit ist er doch wieder in einem Reportagestil und nicht im Naturalismus, wie z.B. Zola, an den ich immer wieder denken muss. Zola hat nur wenige Hauptpersonen, die er aufbaut, während Fallada sehr viele Aspekte abdecken will, ich hatte das ja schon vorher mal geschrieben. Für mich ist das also eher ein Ausdruck seines Stils und ein bißchen wünscht man sich ja auch einen guten Ausgang, einen positiven Ausblick, bestimmt auch zu der Zeit, als Fallada den Roman geschrieben hat. Ich bin gespannt, ob du, Petra, Recht mit deiner Vermutung zum Ende hast.



ein erhellender Gedanke und keiner konnte den kleinen Mann besser skizzieren als Fallada, finde ich.



Liebe Grüße
Maria

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So 1. Mai 2011, 15:28
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

Deine Frage danach, wieviel Glück der Mensch verdient, selbst unter solch widrigen Umständen, ist auch wichtig, Maria. Die Szene mit Grigoleit und Hergesell hat Fallada wirklich gut eingesetzt, um diese Frage nicht auszulassen.

Sehr richtig auch, dass nicht jeder zum Freiheitskampf geboren ist. Nicht jeder ist zum Helden geboren. Umso wichtiger, dass Fallada hier mit den Quangels von den stillen Helden erzählt, die ja auch nicht weniger als ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, und doch nur mit Worten kämpfen. Und auch das ist wichtig. Wenigstens gesagt zu haben, dass man nicht einverstanden war.

Ich kann Hergesell, der trotz allem sein kleines Glück sucht, sehr gut verstehen. Ich wäre bestimmt auch so. Und doch muss man sich dann die Frage gefallen lassen, ob man nicht auch eine Schuld trägt? Teil an der Kollektivschuld mit der eigenen Passivität (und dem Egoismus) zu haben. Schön beobachtet, Maria.

Zum Zwischenspiel auf dem Lande: Ich empfand es auch als einen Hoffnungsschimmer in all diesem Elend. Du hast recht: Mehr kann man nicht erwarten. Denn - da sind wir wieder beim Vorwort Falladas - mehr freundliche Farben wären eine Lüge.

Maria hat geschrieben:
Ich werde mir Eva im inneren Blick behalten beim Weiterlesen, denn nun hat die Gestapo Anna Quangel mit dem Krankenwagen abtransportiert und Otto Quangel festgenommen, da ist mir Eva Kluge ein Anker in all dem Kommenden.

Es ist quälend.


Mir geht es genauso. Eva Kluge ist ein kleiner heller Stern am düsteren Himmel. Es blinken noch ein paar kleine Sternchen auf. Aber sie vermögen nur ein kleiner Hoffnungsschimmer zu sein. Die Düsternis können sie nicht bekämpfen.

Es wird noch quälender.

Maria hat geschrieben:
ein erhellender Gedanke und keiner konnte den kleinen Mann besser skizzieren als Fallada, finde ich.


Auch hier stimmen wir überein. Das hat Fallada unvergleichlich gemacht. Es ist gewiss nicht einfach, im Ton des einfachen Mannes zu erzählen. Aber das ist so wichtig für die Stimmung und die Authentizität in dem Buch. Für mich ist das auf einzigartige Weise gelungen.

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So 1. Mai 2011, 16:20
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

den 3. Teil habe ich nun beendet. Erschütternd wie die Gestapo mit seinen Gefangenen umgeht. Ein Vorgeschmack kam man bereits in der Lektion, die der Kommissar Eschenbach erteilt bekam. Eschenbach nahm den Sadisten in seinem Vorgesetzten Prall einfach nicht wahr.

Zurück bleibt ein gebrochener, noch funktionierender Kommissar, bis er den Klabautermann endlich fasst. Quangels Aussage bringt in dem Kommissar etwas in Gange und dann die Mißhandlungen durch der Gestapo im Keller, hat ihm einen Spiegel vorgehalten, wo er in diesem System steht und feststeckt. Ihm blieb nur der Freitod oder die ewige Angst vor neuen Mißhandlungen, die er nicht so stoisch hinnehmen könnte wie Quangel.


Petra hat geschrieben:
Auch schlimm, wie Quangel im Gesicht desjenigen, der die Karte aufheben soll, die Angst sieht und erkennt was er mit seiner Kartenschreiberei erreicht hat: Noch mehr Angst und Schrecken unter den Menschen verbreitet. Noch kann er sich gut zureden, dass es nur in diesem Falle so ist, es den Findern der anderen Karten aber nicht so ergangen ist. Doch auch das wird er noch erkennen müssen.



ja, genau. Das tat einem richtig weh. Auch als Quangel feststellen mußte, dass fast alle Karten und Briefe bei der Gestapo abgegeben wurden. Ein Schlag ins Gesicht.

Im Grunde sind die Quangels recht scheuklappig durchs Leben; sie nahmen zwar die Übel wahr, doch wie es in anderen Menschen aussehen könnte, konnten sie nicht nachempfinden. Sie waren, bis auf wenige Ausnahmen (Frau Rosenthal), auf sich konzentriert. Das eigentliche Leid, der Tod des Sohnes betraf sie ganz persönlich, die Schuldfrage war dann auch schnell gelöst, das Resultat war eine Gegenwehr. Dass Otto Quangel vogelgesichtig genannt wird, kommt nicht von ungefähr.

Es steckt in den Handlungen soviel drin, dass ich garnicht alles fassen und benennen kann...... so wie die Quangels so allein dastanden in ihrem Einzelkampf, genauso war die Mehrheit des deutschen Volkes auf sich konzentriert, nicht aufzufallen. Jeder für sich allein, nicht nur im Sterben, wie der Titel des Buches aufsagt, sondern auch im Leben und Überleben. Ein Regime das Ich-bezogene Menschen durch Angstverbreitung produzierte. Und einige davon haben einen stillen und gefährlichen Kampf geführt.


Petra hat geschrieben:
Kapitel 51 (50) ....Entsetzlich, wie der Schnurbart an der Wand klebt. Und dass Quangel sauber machen soll. Gut daran ist, dass Quangel sieht, dass er Escherich erreicht hat.



der Schnurrbart wird bei mir im 50. Kapitel nicht erwähnt !


Ich komme nun zum 4. Teil.

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So 1. Mai 2011, 16:49
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

ja, in dem Roman steckt so unfassbar viel drin. Darum bin ich auch froh, dass wir die Leserunde dazu haben. Denn Ihr habt meine Gedanken sehr gut ergänzt!

Du hast recht: Das Quangel vogelgesichtig genannt wird, findet auch in seinem Wesen eine Entsprechung. Allerdings sah Otto Hampel auch selbst etwas vogelähnlich aus. Ich habe mal nach Fotos gesucht und eines vom Ehepaar Hampel gefunden, wo Otto Hampel aber nur von vorn zu sehen ist. Ein Profilbild findet sich aber unter diesen Bildern. Ich habe diese Personen beim lesen auch immer vor Augen. Anfangs nicht so, obwohl ich da auch die Bilder schon kannte, da sie ja in unserer Ausgabe abgedruckt sind. Aber das Bild, das Fallada von ihnen entwirft, passt mit dem, was ich auf den Fotos sehe, zusammen. So stehen sie mir nun immer beim lesen vor Augen.

Der Titel „Jeder stirbt für sich allein“ passt wirklich in vielerlei Hinsicht. Man lebte in dieser Zeit sicher sehr auf sich bezogen. Das ergab sich aus den Umständen heraus. Es ging – das sehen wir in dem Buch sehr deutlich – ums nackte Überleben. Ein falsches Wort, und das Leben war keinen Pfennig mehr wert. Ein Regime wie dieses brachte Egoisten hervor. Und in manchen Menschen entfesselte sie wahre Boshaftigkeit und Schlechtigkeit. Die Quangel gingen wirklich sehr scheuklappig durchs Leben. Das hast Du treffend ausgedrückt, Maria. Sie konnten sich nicht in die anderen hineinversetzen. Haben nur ihren Wunsch, dass die Karten aufrütteln, in Gedanken zugelassen. Aber andere Möglichkeiten ausgeblendet. Und vor allem auch die übergroße Angst aller Menschen zu der Zeit.

Eine Frage zum Kommissar. Heißt er bei Dir wirklich Eschenbach? Oder auch Escherich? Mag sein, dass Du Dich nur verschrieben hast. Aber es würde mich interessieren, ob hierin auch eine kleine Abweichung in den Ausgaben handelt.

Ob Escherich in Prall den Sadisten nicht erkannt hat? In gewisser Weise stimmt das auf jeden Fall. Er war ja zu ihm gegangen mit dem Bericht, und hatte nicht einkalkuliert, dass Prall ihn einfach nur quälen würde und an dem Bericht überhaupt kein Interesse hat. Obwohl er Prall ja kennt und es insgeheim schon hätte wissen müssen. Aber das war wohl eine Art Verleugnung vor sich selbst. Ebenso der Trugschluss, dass er nicht in Gefahr ist, in seiner Position als Kommissar. Darauf hat er ganz fest gezählt, und war dann erschüttert, als er selbst misshandelt, entamtet und eingesperrt wurde. Und als Quangel ihm dann den Spiegel vorhielt, blieb ihm wirklich nicht mehr viel übrig. Ständige Angst, jederzeit wieder in den Keller zu müssen. Und seine Arbeit weiter verrichten, obwohl ihm der Sinn daran abhanden gekommen war. Da hat das Unterbewusstsein wohl Überhand gewonnen. Die Dinge, die er im Unterbewusstsein vor sich selbst verborgen gehalten hatte, haben ihren Weg ins Bewusstsein gefunden, und sein Leben für ihn selbst nicht mehr tragbar gemacht

Interessant, dass bei Escherichs Selbstmord bei Dir die Szene mit dem Schnurrbart fehlt. Ich zitiere:

Er zog die Pistole hervor und schoss.
Dieses Mal hatte er nicht gezittert.
Der herbeistürzende Posten fand nur einen fast kopflosen Leichnam hinter dem Schreibtisch. Die Wände waren mit Blut und Hirn bespritzt, an einer Lampe hing, zerfetzt und schmierig, der semmelblonde Schnurrbart des Kommissars Escherich.
Der Obergruppenführer Prall tobte. „Fahnenflucht!“


Der Schnurrbart hing somit an der Lampe, nicht wie von mir erinnert an der Wand. Dass die Szene bei Dir fehlt, Maria, stützt die Aussage, dass die Ursprungsfassung härter ist, als die veränderte. Abermals interessant, eine Abweichung entdeckt zu haben.

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So 1. Mai 2011, 20:49
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
JMaria hat geschrieben:
Grigoleit:
Doch, du stiehlst! Du stiehlst Müttern ihre Söhne, Frauen ihre Männer, Mädchen ihren Freund, solange du duldest, daß die täglich zu Tausenden erschossen werden, und machst nicht einen Finger krumm, um dem Morden Einhalt zu tun...


Das empfand ich als eine der stärksten Szenen bisher. Hier wird die Konsequenz deutlich, die man eigentlich hätte ziehen müssen, wenn nicht die Einschüchterung und die Angst so raffiniert eingesetzt gewesen wäre. Es zeigt den Weg auf, den man hätte gehen sollen.

Wie sinnlos ist Escherichs Selbstmord, obwohl seine Beweggründe nur allzu verständlich sind, ist er doch selbst in diesem Augenblick dem Regime unterlegen. Wie wenig Widerstand es gab - und gleichzeitig steigt meine Hochachtung vor allen Menschen, die es wagen, sich gegen ein solches Regime zu wenden. Und doch ist es gleichzeitig auch schwer, sich nicht den gleichen Methoden zu bedienen, wie die Unterdrücker. Das wird dann durch Dr. Reichhardt im 57. Kapitel verdeutlicht. Aber ob dessen Freundlichkeit und Demut, im Grunde ist es Humanismus, wirklich gegen solche menschenverachtende Mechanismen bestehen könnte ?

Eine ganz große Sache ist es auch für mich, dass Fallada keine direkte Wertung einbaut sondern immer noch recht objektiv bleibt, denn selbst nach dem Selbstmord Escherichs oder der fiesen Szene von Baldur Persicke in der Trinkerheilanstalt im Kapitel 56 habe ich keinerlei befriedigende Gefühle. Mitleid und Entsetzen überwiegen.

Die Szenen im Gestapo-Gefägnis sind schon sehr grausig. Die Leiche von Berta, die nicht abgeholt wird z.B. oder auch die Freundlichkeit der jungen Wache, eigentlich nicht mehr als ein winziges Fünkchen Anstand und doch strahlt sie so hell. Man kann sich nicht vorstellen, wie schlimm es war und in anderen Ländern wohl auch heute noch so ähnlich sein könnte.

Petra hat geschrieben:
Fallada selbst hat keinen Widerstand geleistet, sondern habe sich mitreiben lassen. Das steht in diesem hochinteressanten :arrow: Artikel, der auch viele Informationen über die wahren Eheleute Hampel bereit hält.

Ein sehr interessanter Artikel, danke, und auch über deinen Bericht zum Buch von Kuhnke bin ich dann sehr gespannt !

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Gruss von Steffi

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Mo 2. Mai 2011, 09:40
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

die Szenen mit der nicht abgeholten Leiche von Berta und die die Szene im Leichenkeller in Kapitel 55. (bzw. 54) ging so unter die Haut. Steffi hat schon ganz recht: Fallada bleibt trotz allem noch recht objektiv. Da fällt mir das Zitat aus der F.A.Z. ein: “ "Der Erfolg von Jeder stirbt für sich allein zeigt, dass das Schwarzweißbild der Hitlerjahre endlich einer nuancierten Wahrnehmung weicht." F. A. Z.“ Sehr treffend, wie ich finde.

Das erbarmen, dass der SS-Mann mit Trudel und Anna hat, scheint wirklich so hell, obwohl es doch so gering ist, was er tut. Er hat das Menschsein lediglich nur noch nicht gänzlich abgelegt. Und was dafür, ein guter Mensch zu sein, viel zu wenig ist (und doch so hell strahlt in dieser düsteren Zeit), ist für die Nazis schon zu viel. Denn dieser SS-Mann hielt an dem Abend zum letzten Mal Wache auf diesem Gang. Fallada verabschiedet ihn mit dem schön formulierten und genau dies ausdrückenden Ausspruch, dass er noch zu sehr Mensch war, um hier Dienst zu tun. Man kann kaum glauben, dass Fallada diesen Roman in nur 4 Wochen geschrieben hat. Die Sätze sind teils so gut überlegt und gezielt angebracht. Aber darin zeigt sich Hans Falladas Kunst.

Auch an die Frage nach Gott hat er gedacht. Trudel und Anna stellen sie sich. Berechtigt! Ein Segen, wer in dieser Zeit noch an Gott glauben konnte. Es muss ein ungeheurer Trost gewesen sein. Wie hoffnungslos muss es für alle anderen gewesen sein, die – verständlicher Weise – den Glauben an Gott verloren haben.

Ich stimme mit Steffi überein, dass sich keine Genugtuung einstellt, in Kapiteln wie dem mit dem alten Persicke und dem Baldur in Kapitel 56. (bzw. 55). Lediglich erweitert sich noch das Entsetzen darüber, zu was der Mensch fähig ist. Und hat ein Regime erst mal Menschen wie den Baldur nach oben gespült, so scheint deren Sadismus entfesselt zu sein. Selbst vor dem eigenen Vater wird nicht mehr Halt gemacht. Auch wenn es um einen, wie den alten Persicke sicher nicht allzu schade ist. Dennoch entsetzt einen, wie Baldur mit ihm verfährt. Und sich aufspielt, um andere unter Druck zu setzen und zu seinen Handlangern gegen seinen Vater zu machen.

Auch in diesem Kapitel findet Fallada sehr treffende Worte, für die himmelschreiende Ungerechtigkeit: Während die Hergesells verhaftet und womöglich getötet werden, für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben, wird der alte Persicke verschont, obwohl er sich schuldig gemacht hat. Und das nur, weil sein Sohn Kontakte hat. Und Fallada sagt, als Baldur seinen Vater zurücklässt: “Damit ging dieser echte Sohn eines echten Vaters, beide echte Produkte hitlerischer Erziehung.“ Stark!

Dass sich der Arzt den Vorgaben Baldurs nicht widersetzt, zeigt ein weiteres Bild der Angst und Einschüchterung. Und auch der Arzt weiß, welchen Weg er eigentlich hätte gehen müssen. Wenn der Schrecken und die Einschüchterung nicht abermals so raffiniert eingesetzt worden wäre (wie Steffi auch schon zur Grigoleit-Szene schrieb). Wie es damals funktioniert hat, dass sich niemand (oder so wenige) zur Wehr setzten, wird durch diese Szenen überdeutlich und nahezu spürbar.

In den Kapitelen 57. (bzw. 56) und 58 [bzw. 57) lernen wir zwei Zellengenossen Quangels kennen. Selbst Karl Ziemke (der Hund) kam Quangel zum Ende hin nicht mehr schlimm vor. Zum einen zeigt das gewiss, dass man sich an alles gewöhnt. Zum anderen aber, dass der Hund immer noch besser zu ertragen war, als die Machthaber. Sein anderer Zellengenosse nach seiner Verlegung ist da ein starker Kontrast. Auch eine interessante Figur. Er hat sich einen Alltag geschaffen, um dem Grübeln zu entkommen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Eine bewundernswerte Methode. Und einer der wenigen, die einfach Mensch geblieben sind. Steffi, Du fragst danach, ob dessen Freundlichkeit und Demut (Humanismus) wirklich gegen solche menschenverachtende Mechanismen bestehen könnte? Eine berechtigte Frage. Wahrscheinlich nicht. Aber auch er verdeutlicht, was immerhin erstrebenswert ist: Mensch bleiben – trotz allem. In den Tod gehen in dem Bewusstsein, nicht mitgemacht zu haben. Das erscheint mir auch gar nicht unwichtig. Aber es erscheint auch mir so unwahrscheinlich und fast unmöglich.

Toll fand ich auch, wie Dr. Reichhardt mit seiner Musik etwas in Quangel auslöst. Obwohl er immer noch nichts von der Musik hält, so beeinflusst sie ihn. So lösen Beethoven, Mozart und Bach unterschiedliche Stimmungen in ihm aus. Ein Beweis dafür, welche Kraft die Musik hat, und dass sie auf unsere Seele wirkt. Wenn schon jemand wie Quangel nicht um eine Beeinflussung durch die Musik umhin kommt.

Auch Quangels Fragen danach, welche Fähigkeiten noch in ihm geschlummert hätten (das erkennt er ja durchs Schach spielen lernen), finde ich interessant. Aber auch Dr. Reichhardts Antwort darauf, dass keiner in alle Richtungen leben kann.

Ebenfalls Mensch geblieben ist der Pastor, der sich in Kapitel 59 (bzw. 58) und 60 (bzw. 59) so hartnäckig und selbstlos für bessere Bedingungen für die Häftlinge einsetzt. Auch oder gerade weil es so vergebens ist. Der Leser sieht kommen, dass die zwei kränklichen Häftlinge in Dunkelarrest nicht daraus befreit werden. Und so kommt es auch, wie uns in einem Nebensatz mitgeteilt wird. Diese Beiläufigkeit, in der wir davon erfahren, fand ich sehr gut gewählt. Denn mehr Gedanken hat sich jemand wie der dort behandelnde Arzt sicher nie gemacht um solche Häftlinge. Und des Pastors Mühe wird somit in einem lapidaren Satz abgetan. Sehr passend!

Ganz schlimm, wie er der Trudel die Todesnachricht von ihrem Mann überbringen muss. Das schmerzt so sehr. Man fühlt mit Trudel die Verlassenheit und Einsamkeit, die jemand in ihrer Lage gefühlt haben muss. Wenn ein Mensch zu sehr leidet, wünscht man ihm den Tod. Als Erlösung der unermesslichen Qualen. Ich habe Trudel den Tod gewünscht. Denn die Sinn- und Hoffnungslosigkeit, die sie verspürt haben muss, war so nachvollziebar, so spürbar. Ich stellte mir vor, dass man doch vor Schmerz und Verzweiflung wahnsinnig werden müsse (Hier wieder ein Satz Falladas, der so beklemmend Trudels Gefühle beschreibt: „Eingeschlossen, das zuckende Herz zwischen Eisen und Stein! Allein!“). Und genau so beschreibt sie es auch. Und sie weiß, dass es nur eine Flucht daraus gibt: Den Tod. Und dass sie ihren Wahnsinn noch für fünf Minuten verbergen muss. Ich konnte das so gut verstehen! Ich konnte die angestauten Gefühle, die sie sicher ohne zweifelnde Gedanken losrennen ließen, um aus dem fünften Stock des Gefängnisses springen zu können, in mir fühlen. Eine Erleichterung muss der Sprung, der freie Fall, der Aufprall gewesen sein.

Und das ganze Gefängnis, das ganze Gebäude erwacht zu einem einzigen Schreien und Toben. Alle Verzweiflung bricht sich Bahn, in dem Moment von Trudels Tod. Auch eine sehr intensive Szene, wie ich finde.

Zuvor versucht der Pastor hier noch Trost zu spenden. Auch hier setzt er sein Leben aufs Spiel, indem er Trudel in die Zelle des toten Karli bringt. Und wieder stellt sich die Frage nach Gott. Trudel kann sich unter Gottes Sohn, Jesus, nichts vorstellen. Die Erklärung des Pastors fand ich jedoch sehr schön und auch für Ungläubige nachvollziehbar. Dass man sich noch 2000 Jahre nach Jesus Tod an ihn erinnert, weil er mit seiner Liebe Spuren hinterlassen hat. Aber auch das kann natürlich nicht trösten, in solchen Zeiten. Wie auch? Das fragt man sich.

Der Pastor entgeht seiner Strafe auch. Die Tuberkolose hat ihn befreit. Da versuchte der Arzt ihn zuvor doch noch zu ängstigen, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Dabei war die Tuberkolose doch in dem Fall das geringere Übel.

Mich hat das Gelesene gestern wieder sehr beschäftigt. So habe ich abermals Dinge aus dem Buch in meinem Traum verarbeitet.

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Mo 2. Mai 2011, 10:40
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

nun also der Prozess.

Zunächst noch eine Begegnung zwischen Anna und Otto in Kapitel 61. (bzw. 60), durch ein Versehen, im Gerichtssaal. Ein schöner Kunstgriff Falladas. Denn dem Ehepaar Hampel war solch ein Wiedersehen nicht bestimmt. Aber durch diese Minuten vor Prozessbeginn, macht er es möglich. Denn wäre es zu solch einem Versehen gekommen, hätte es wohl wirklich keiner gemeldet, da es jedem Beteiligten an dem Versehen zum Nachteil gereicht hätte.

Ebenso hält sich Fallada im Folgenden nicht an den wahren Fall. Denn die Hampels haben sich letzten Endes gegenseitig beschuldigt, in letzten verzweifelten Versuchen ihre Haut zu retten. Was mir ebenfalls sehr unter die Haut geht. Denn selbst das hat man ihnen noch aufgebürdet. Dass sie solch eine Schuld vor sich selber mit in den Tod nehmen müssen. Ich hoffe, sie konnten sich selbst vergeben. Glaube es aber nicht. Ganz schrecklich! Und dann hat es nicht mal einem von beiden was genützt.

Auch wenn es im Buch Falladas anders verarbeitet wurde, so liegt auch hierin etwas vom Titel jeder stirbt für sich allein.

Dass Fallada hier jedoch Otto sich dafür aussprechen lässt, nicht Selbstmord zu begehen, finde ich wichtig. Denn auch dadurch verdeutlicht er etwas wichtiges: Die Quangels wollen ihnen das nicht abnehmen. So ist es recht! Aber so, so mutig!!! Ich bewundere jeden, der das hat durchziehen können.

Auch denke ich (weiß es aber nicht), dass die Hampels sich Rechtsbeistand geholt haben. Quangel will nicht extra einen Anwalt dafür bezahlen, sie zu verteidigen. Er sieht es als nutzlos an, womit er auch ganz gewiss Recht hat. Denn man wollte sie schuldig sprechen und zum Tode verurteilen. Und es wird in dem Buch immer klarer, wie es ganz gewiss wirklich war: Man hätte sich davon auch nicht abbringen lassen. Wie erschütternd!

Wie in den Kapiteln 62. (bzw. 61) und 63 (bzw. 62) der Prozess geführt wird, zeigt auch wieder auf ganz erschreckende Weise wie das Gefüge von Recht und Unrecht nicht nur ins Ungleichgewicht gebracht wurde, sondern sich wirklich gewechselt hat. Die offensichtlich Unrecht tun, sprechen Recht. Und die, die recht handeln, werden angeklagt und für schuldig befunden.

In welcher Art man Menschen gedemütigt und vorgeführt hat, ist schon ein Verbrechen Straftat in sich allein. Verachtungswürdig, welch kranke Naturen hier an Macht gelangt waren und diese ausspielten. Und das im Namen des Volkes, das nie gefragt wurde, und im Namen der Gerechtigkeit, die verhöhnt wurde, und fürs Vaterland. Dass sie die eigentlichen Verräter des Vaterlands sind, und Menschen wie die Quangels zwei der wenigen die das Vaterland nicht verraten haben, macht Fallada auch sehr schön deutlich.

Und da die Quangels die „Frechheit“ hatten, dem Präsidenten den Spaß zu nehmen, eine Verhandlung zu führen, werden sie öffentlich bloßgestellt und gedemütigt. Wie wahr! Da haben sowohl Dr. Reichhard, als auch Otto Quangel geirrt. Nichts ist ihnen durch die direkte Schuldanerkennung erspart geblieben.

Dass sie ihren Empfindungen nach antworten, bringt ihnen nun auch noch Strafe ein. Otto Quangel kommt vier Wochen in Dunkelarrest. Bei Wasser und Brot (und jeden dritten Tag ganz ohne Nahrung). Und dass das zusätzlich auch Kälte heißt, haben wir schon in einem vorherigen Kapitel erfahren. Dann nimmt man ihm auch noch die Hosenträger, und der arme Mann muss die Hose fortan nun immer festhalten, damit er nicht bloß dasteht. Wie entwürdigend! Und Anna wird aus dem Prozess ausgeschlossen. Und auch wenn die Quangels hier in ihrem Mut wohl von den Hampels abweichen, so finde ich es doch wichtig, dass Fallada seinen Figuren ein Eigenleben gibt, und sich nur an dem wahren Fall orientiert. Denn das gezeichnete Gesamtbild wird dadurch noch runder.

Am Beispiel von Annas Bruder Ulrich Heffke wird in Kapitel 64 (bzw. 63 auch noch mal klar, dass es schon reichte, verwandt zu sein mit jemandem, der ein Verbrechen gegen den Staat begangen hat. Ebenso wird abermals klar, wie viel Angst und Schrecken man z. B. in Verhören über die Menschen gebracht hat, und wie unterschiedlich die Menschen darauf reagiert haben. In Heffke finden wir einen, der das alles überhaupt nicht ertragen konnte, besinnungslos vor Angst war, und auf alles gelauscht hat, was man von ihm hören wollte, und es dann gesagt, damit man ihn in Ruhe ließ. Aber das war auch nicht recht. Auch Menschen wie ihn ließ man nicht in Ruhe, da man auch das durchschaute. Wie erbärmlich ein Mensch unter diesen Bedingungen werden konnte. Außerdem interessant, dasds hier noch mal aufgegriffen wird, dass jeder was ausgefressen hatte. Denn darauf berief man sich in den Verhören ja anscheinend gern. Blind drauf losstochern und unter Druck setzen. Irgendwas gibt es schon zu gestehen. Ein Mann wie Heffke verwundert Kommissar Laub. Auch das ist interessant. Dass Heffke nicht in der Partei ist, und trotzdem nicht unrechtes gegen den Staat getan haben soll, scheint ihm unmöglich. Das sagt auch viel aus. Fallada hat so viel in seinen Text hineingelegt, dass einem schon so viel auffällt. Und trotzdem erfasst man es wohl nie ganz. Es ist einfach so viel, was hier drin steckt. Erstaunlich!

Toll fand ich, wie Heffke trotz seiner übergroßen Angst nicht gegen seine geliebte Schwester aussagt, sondern singt. Und was er singt! Dass Otto Quangels Herz erstmals für den schwächlichen Schwager klopft, konnte ich so gut verstehen.

Und auch er, mit seiner unterwürfigen Art, ist ihnen nicht entkommen. Eine Familie wie die Quangels (und Heffkes) musste ausgerottet werden. Das wird klar.

Dass man den Menschen damals den Mund verbot, wird auch in Kapitel 65 (bzw. 64 überdeutlich. Annas Anwalt versucht sie zu verteidigen, so gut es geht. Und alles war nur darauf ausgerichtet, ihm aus seinen Worten einen Strick zu drehen, ihn mundtot zu machen. 500 Mark Strafe und dann schließt man ihn aus dem Verfahren aus. Der Ersatz war kein nennenswerter Rechtsbeistand. So war es gewollt. Was für Verbrecher!

Und dass Otto Quangel lacht, als seine Verteidigung abgeschlossen ist, kann ich nur zu gut verstehen. Das muss einen doch überfallen, wenn man sich dieses Schauspiel dort anschaut. Die größten Verbrecher sprechen Recht über Unschuldige. Es ist wirklich unfassbar. Aber es ist passiert!

Quangels Äußerung, dass er jetzt endlich verstanden habe, was ein Linksanwalt sei, fand ich treffend. Bei all der Rechtsverdreherei wirklich angebracht!

In Kapitel 66 (bzw. 67 kommt es nun also zum Urteil. Dass Otto Quangel nicht neugierig darauf ist, kann man verstehen. Denn es ist wirklich klar. Dass er es schafft, sich zu entziehen, freut einen (wenn man hier von Freude noch in irgendeiner Form sprechen kann). Und dass er zuvor noch von Fromm das Fläschchen mit der Blausäure, und das Versprechen dass für seine Frau auch gesorgt wird, bekommen hat, ist solch ein menschlicher Zug. Und Ottos Gedanken befreien auch den Leser: Nun ist er frei. Keiner kann mehr Macht über ihn haben. Und sei es, dass er das Fläschen zerbeißt, bevor man es ihm wegnehmen kann. Für die Szene mit Fromm hat Fallada sich abermals eines Kunstgriffes bedient, indem er einen Grund schuf, warum man Quangel im Gerichtssaal ließ, bis zur Urteilsverkündung.

Nun bin ich gespannt, ob die Quangels ihrem Grundsatz treu bleiben, denen nicht ihre Arbeit und Schuld abzunehmen. Oder ob sie den schmerzfreien Freitod wählen. Ich würde ihnen Zweiteres wünschen. Bin mir aber nicht sicher.

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Mo 2. Mai 2011, 19:22
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Petra, du hast die Kapitel um die Verurteilung sehr schön ausgearbeitet. Dem kann ich eigentlich gar nichts mehr hinzufügen, ich habe sie so wie du empfunden. Die Ungerechtigkeit, ja die Absurdität des Ganzen, die Unmenschlichkeit und Willkür. Das alles hat Fallada treffend dargestellt, er versteht es, den Finger direkt auf die Wunde zu legen und das so kurz nach dem Kriegsende. Beachtenswert !

Trotzdem hält er, finde ich, noch eine gewisse Distanz, er schlachtet die Personen und Schicksale nicht aus, er klagt neben den Personen auch immer das System an. Menschen, die es ausnutzen; Menschen, die nicht den Mut haben; Menschen, die gleichgültig sind; Menschen, die Angst haben; jeder trägt eine Mitschuld und doch geht es nicht um Schuld sondern um das Handeln, das jeder für sich selbst verantworten können muss.

Ich komme nun zum Kapitel 66 und auch wenn man natürlich schon weiß, wie es ausgeht, hoffe ich wenigstens, dass beide ihrer Einstellung treu bleiben können.

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Gruss von Steffi

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Di 3. Mai 2011, 09:12
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo ihr Lieben,

steffi hat geschrieben:
Wie wenig Widerstand es gab - und gleichzeitig steigt meine Hochachtung vor allen Menschen, die es wagen, sich gegen ein solches Regime zu wenden. Und doch ist es gleichzeitig auch schwer, sich nicht den gleichen Methoden zu bedienen, wie die Unterdrücker. Das wird dann durch Dr. Reichhardt im 57. Kapitel verdeutlicht. Aber ob dessen Freundlichkeit und Demut, im Grunde ist es Humanismus, wirklich gegen solche menschenverachtende Mechanismen bestehen könnte ?



Wir glauben an Güte, Liebe und Gerechtigkeit.

es gehört Größe dazu, nach diesen Grundsätzen weiterzuleben und vorzuleben. Ein weiterer Aspekt des Widerstandes. Mich hat das Kapitel sehr beeindruckt.


@Petra,
ich habe mich verschrieben; Escherich heißt der Kommissar auch in meiner Ausgabe. Danke für den Link zu den Fotos von den Hampels. So stell ich mir die Quangels, insbesondere ihn, vor. Eine gute Beschreibung hat Fallada dem Leser gegeben.

Petra hat geschrieben:
Interessant, dass bei Escherichs Selbstmord bei Dir die Szene mit dem Schnurrbart fehlt. Ich zitiere:


Er zog die Pistole hervor und schoss.
Dieses Mal hatte er nicht gezittert.
Der herbeistürzende Posten fand nur einen fast kopflosen Leichnam hinter dem Schreibtisch. Die Wände waren mit Blut und Hirn bespritzt, an einer Lampe hing, zerfetzt und schmierig, der semmelblonde Schnurrbart des Kommissars Escherich.
Der Obergruppenführer Prall tobte. „Fahnenflucht!“


Der Schnurrbart hing somit an der Lampe, nicht wie von mir erinnert an der Wand. Dass die Szene bei Dir fehlt, Maria, stützt die Aussage, dass die Ursprungsfassung härter ist, als die veränderte. Abermals interessant, eine Abweichung entdeckt zu haben.



Bei mir fehlt der Satz:

Die Wände waren mit Blut und Hirn bespritzt, an einer Lampe hing, zerfetzt und schmierig, der semmelblonde Schnurrbart des Kommissars Escherich.



Ich komme zum 57. Kapitel "Das Leben in der Zelle".

Grüße von
Maria

_________________
Schöne Grüße
Maria




Ich lese gerade:



Ich höre gerade:


In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten. (Jean Paul F. Richter)


Di 3. Mai 2011, 10:02
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Beitrag Re: Leserunde: Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Hallo zusammen,

ich bin durch. Aber erst zu Euren Gedanken. Und dann noch meine Eindrücke zu den letzten Kapiteln.

Schön Steffi, dass Dir Du meiner Zusammenfassung und Eindrücken zu den Szenen zur Verurteilung zustimmen kannst. Ja, es ist nahezu absurd, was dort für ein Schmierentheater gespielt wird. Und ganz erschreckend, dass eine Vielzahl sich selbst dieses Theater geglaubt hat und gar nicht bemerkte, wie absurd das alles ist.

Im tiefsten Innern haben es gerade noch diejenigen gemerkt, die noch nicht gänzlich überwältigt waren von der Rolle, die man ihnen übertragen hat, und in die sie nur allzu gern geschlüpft sind. Mir fällt dazu Ottos Anwalt in Kapitel 68 (bzw. 67) ein. Am Ende, so Otto Quangel, weiß der Anwalt sehr gut, dass vor ihm ein Unschludiger steht, und er der eigentliche Lump ist. Aber Menschen wie Feisler, nein, die waren eins mit ihrer Rolle. Da war kein Durchdringen. Erschreckend.
Hier fand ich auch schön, wie Otto dem Anwalt seine Sicherheit ein wenig ins wanken bringt, sein Leben nicht lassen zu müssen. Nur sollte man ihn irgendwann drankriegen, dann kann er sich nicht sagen, dass es wenigstens für das Richtige war. Sondern dann hat er gekuscht und mitgemacht und man wird ihm dennoch das Leben nehmen. Wie fühlt man sich dann?

Gefallen hat mir, was Du, Steffi, über Falladas dennoch gewahrte Distanz schreibst. Da stimme ich mit Dir absolut überein. Er klagt neben den Personen immer auch das System an, das es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass die Menschen zu solchen Unmenschen werden, ihre Boshaftigkeit überhaupt erst in dem Maße ausleben können. Die Menschen sind dieselben Menschen, die man überall findet. Aber das System teilt ihnen Rollen zu, die ihnen nie hätten zuteil werden dürfen. Mich würde interessieren, was Hitler davon einkalkuliert hat. Das ist so simpel und doch so raffiniert. Für mich wäre die menschliche Natur eine größere Unbekannte, als sie es anscheinend für einen Menschen wie Hitler war. Nur durch all die, die mitgespielt haben, war es möglich. Und einige Menschen neigen zu einer Bereitwilligkeit, die man kennen muss, um an den Erfolg dieses Systems glauben zu können.

Ebenfalls sehr richtig ist Dein Satz, Steffi, dass jeder eine Mitschuld trägt. Sei es die Mitschuld des mitlaufen, des Macht ausnutzens oder die der Feigheit. Es gibt viele Facetten der Mitschuld. Und so finde ich Quangels Resümee gegenüber seines Anwalts in Kapitel 68 (bzw. 67) sehr wichtig. Denn es zählt nur, nicht mitgemacht zu haben! Lieber für eine gerechte Sache sterben, als für eine ungerechte zu leben. Und auch wenn Quangel eingesteht (schön, dass er das tut und kann!), dass seine Karten ihren Zweck verfehlt haben, so haben sie den Einsatz seines Lebens doch gelohnt. Denn er hat gezeigt und gesagt, dass er nicht einverstanden war. Das ist das mindestes, was der Mensch zu tun hat. Glanzvoll, wie Fallada das hier auf den Punkt bringt. Und so ergibt sich für mich ein ganz neuer Sinn für das Wort „Widerstand“. Das Wort stand bei mir für etwas Großes. Aktiv bekämpfen. Aber auch in dieser passiven Art, in der die Quangels widerstanden haben, liegt Gegenwehr. Sie haben etwas entgegengesetzt. Und wie man aus diesem Leben scheidet, ist wichtig! Dass man verantworten kann, was man getan und was man nicht getan hat. Das bringt der Roman rüber. Aber er zeigt auch, wie schwer das ist. Und dass man niemanden verurteilen kann oder sollte, der dazu zu feige war.

Denn richtig, was Maria sagt:

[quote=“Maria²Wir glauben an Güte, Liebe und Gerechtigkeit.

es gehört Größe dazu, nach diesen Grundsätzen weiterzuleben und vorzuleben. Mich hat das Kapitel sehr beeindruckt.[/quote]

Dazu gehört Größe!

Maria, dass in Deiner Ausgabe der Satz mit dem Schnurrbart wirklich fehlt, ist interessant zu wissen. Danke für die Info (auch dass der Kommissar bei Dir auch Escherich heißt). Interessieren würde mich auch, ob bei Dir am Ende die Hinrichtungsszene auch beschrieben wird. Ich glaube ja, aber ich würde es gern genau wissen.

Eines der wohl schlimmsten Kapitel ist das Kapitel 67 (bzw. 66). Fallada macht auch vor diesen letzten Szenen im Totenhaus kein Halt. Gut so. Es gehört dazu. Da sollte man den Blick nicht abwenden, aber es ist derartig beklemmend! Die Todesangst, die Panik, das kommt so stark herüber, dass sie einen ein Stück weit selbst ergreift. Wie grausam, dass man die Todesangst dort um Tage, Wochen, Monate verlängert hat. Was müssen das für Qualen und Ängste gewesen sein. Unfassbar, wie grausam Menschen sind!

Gut, dass wenigstens Otto mit dem Zyankaliröhrchen einen Trost bei sich hatte. Und durch Dr. Reichhardts Beispiel einen geregelten Tagesablauf für sich aufgenommen hat. Das ist sicher hilfreich.

Seine quälenden Gedanken jedoch an Anna schmerzen sehr! Wie muss es so vielen Menschen ergangen sein (und sicher in anderen Teilen der Welt ergehen)? Das kann man sich nicht ins letzte ausmalen. Und selbst das, was einem gelingt sich vorzustellen, ist schon viel zu viel! Aber auch hier bleibt Fallada bei der Sache und wird nicht emotional. Mit jemandem wie dem Otto macht er es dem Leser ja sogar noch leicht. Er hadert nicht mit seinem Schicksal. Er nimmt es an. Ein Trost ist ihm, dass er kein schlechter Mensch ist, dass er widerstanden hat.

Noch mal zu den Gnadengesuchen. Die Eltern der Elise Hampel haben wohl wirklich versucht, Gnade für ihre Tochter zu erwirken. Auch die Eltern von Anna Quangel richten sich – natürlich vergeblich – an den Führer, an den sie so fest glauben. Das sagt auch viel aus. Es sagt, dass viele Menschen WIRKLICH an ihn geglaubt haben. Daran, dass er ihnen wohlgesonnen ist und sich für sie einsetzen wird. Auch der Weg der Gnadengesuche (und die Unterschiede, die gemacht wurden), wird schön dargstellt. Auf eine so sachliche Art.

Annas Gedanken und ihre Entschluss in Kapitel 69 (bzw. 68) fand ich auch so nachvollziehbar. Das wäre auch meine große Angst: Meinen geliebten Mann nicht noch mal sehen, nur weil ich feige war. Das wäre für mich auch ein riesengroßer innerer Kampf! Der ist hier exzellent dargestellt. Ich kann ihren Entschluss sehr gut verstehen. Und auch, dass sie nach dem entsorgen des Fläschens mit dem Gift erst wieder ruhig schlafen kann. Sie hätte gewiss wirklich keine Sekunde mehr Ruhe in sich gehabt, mit dem immerwährenden Kampf zwischen dem verlockenden schmerz- und möglichst angstfreien Tod und der Möglichkeit Otto wiederzusehen. Bzw. nicht nur das Wiedersehen setzt ihr zu, sondern ganz sicher auch der Gedanke, was ist, wenn sie tatsächlich noch mal in einem Raum aufeinander stoßen sollten, und Otto erkennen muss, dass keine Anna kommt, weil sie feige war. Dass sie das nicht ertragen kann, kann ich so gut verstehen. Den anderen dermaßen enttäuschen, ist einfach zu schlimm. Das Kapitel hat mich auch sehr beeindruckt!

Die Szene mit dem Pastor (nicht dem guten Pastor) in Kapitel 70 (bzw. 69) ist auch so bezeichnend. Wie falsch und heuchlerisch, sich als Diener Gottes auszugeben, wenn man so einem Menschen gegenübertritt, wie der Pastor hier dem Otto Quangel. Die Bigotterie ist himmelschreiend.

Und in Kapitel 71 (bzw. 70) ist es dann also wirklich soweit. Otto geht seinen letzten Weg. Ein bisschen Mensch steckt noch in dem Arzt. Otto und den Leser freut’s. Noch ein Mensch, ein Wesen, das die Bezeichnung verdient hat. Mit ganz kleinen Gesten zwar. Aber immerhin. Und dass ihm selbst der Scharfrichter menschlicher vorkommt als zuvor der Pastor, ist bezeichnend. Und auch der Gefängnisdirektor hält eine kleine Zurechtweisung für den abermals kläffenden Pinscher bereit. Wenigstens ein bisschen Menschlichkeit in all der Unmenschlichkeit begleitet ihn. Ein – wenn auch widersinniges – Lebwohl Genosse von einem Mithäftling.

Dies ist – das ließ sich nicht anders vermuten – auch ein Kapitel, das einem sehr mitnimmt. Wie man Quangel auf die Hinrichtung vorbereitet. Der eine spricht Mut zu, die andern verhöhnen ihn mit Worten und Taten. Aber Otto lässt sich seine Würde nicht nehmen.

Letztendlich ist es doch das Fallbeil, das ihn umbringt, und nicht das Röhrchen. Vielleicht besser so. Vielleicht war der Himmel ihm gnädig. Er hat sein Leben nicht selbst genommen, sondern SIE haben es ihm genommen. Und mit dem Röhrchen im Mund, hat er ein Stück Sicherheit verspürt, das ihm die Angst gemildert hat. Nur in den letzten Sekunden musste er erkennen, dass es doch das Messer sein wird, das ihn vom Leben trennt. Und Fallada beschönigt die Szene nicht. Dramatisiert sie aber auch nicht. Ich schätze seinen Umgang mit den Tatsachen sehr.

In Kapitel 72 (bzw. 71) spricht Fallada es selber an: Der Himmel ist gnädig. Mit Anna. Wie – aus meiner Sicht – zuvor auch mit Otto (wegen des Röhrchens). Sie muss es nicht erleben, dass Otto schon tot ist und sie sich nicht mehr wiedersehen. Was ein Segen! Und sie durfte sich im Tagtraum mit ihm vereinen, als ihr Leben durch eine Mine ausgelöscht wurde.

Die Quangels sind nicht mehr. Aber ich werde sie nicht vergessen. Sie nicht, die Hampels nicht, und das, was mir der Roman gesagt hat: Es ist wichtig, wie man vor sich selber da steht. Widerstand ist wichtig. Auch wenn er sich nur in der Form äußert, dass man zeigt, sagt oder erklärt, dass man nicht einverstanden ist. Alles andere ist eine Form des mitmachens. Wie schwer es ist, zu widerstehen, ist mir durch das Buch jedoch auch noch bewusster geworden. Und das Buch vermittelt mit großer Klarheit wie diese Maschinerie hat funktionieren können. Ein beeindruckendes Buch!

Doch damit – ich hatte es geahnt – entlässt Fallada uns nicht aus dem Buch. Sondern mit einen Lichtstrahl: Dem Kuno Kienschäper in Kapitel 73 (bzw. 72). Er hat eine gute Saat ausgesät und die soll er nun auch einbringen. Ein schöner Gedanke, der einen würdigen Schlusspunkt setzt. Trotz allem triumphiert immer wieder das Leben.

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Ich lese gerade: :lesen:
Erskine Childers - Das Rätsel der Sandbank (TB)
Georgette Heyer - Schritte im Dunkeln (ebook)
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Mary Shelley - Frankenstein oder Der moderne Prometheus (Hörspiel)

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Di 3. Mai 2011, 13:38
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