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Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz
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Seite 2 von 4

Autor:  JMaria [ Fr 20. Apr 2012, 14:35 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo zusammen,

@Petra,
ein sehr informativer Link, ein dickes Dankeschön dafür. Ich habe ihn mir ausgedruckt. Die Verweise auf Wassermotive in diversen Klassiker ist ja hervorragend.

mir fiel auf wie wichtig der Findling in der Geschichte ist. Zuerst graben Zeller und Bruno ihn aus, Zeller möchte ihn als Grabstein in ferner Zukunft benutzen und dem Bruno ist das Land um den Findling herum wichtig. Dieses Land würde er sich auch aussuchen, als Max ihn danach fragt.

in Max geht auch eine Veränderung hervor, nämlich erst wenn man etwas verliert, dann sieht man wie wichtig es einem war, hier gehts um das Land, das nun für Max doch eine gewisse Bedeutung hat. Zumindest erkennt er, dass das Land und die Familie eng zusammengefügt wurde in Laufe der Zeit.

Ich bin auf S. 130 und hoffe am WE etwas aufholen zu können.

Edit:
Brunos Traum über die Pflanzen, die sich ihren Platz selbst aussuchen, fand ich auch bezeichnend, ebenso seine Verwirrung, die in Panik umschlägt und alte Erinnerungen auftauchen lässt:

Das gelbe Floß. Die Kommandos, die Schüsse, die Schreie. Das Getrappel. Sie haben den Chef entmündigt. Die Soldaten stürmen den Kommandohügel, sie stürmen das Schiffsdeck, sie stürzen sich in die Senke, springen mit Waffen und Gepäck ins Wasser; das Sammeln nach dem Sturm, die kleinen Fontänen beim Eintauchen.

Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich in ihrer Bedrohung.

ganz toll beschrieben !

Gut platziert sind auch Hinweise auf zukünftige Dinge, wie z.B. der Selbstmord von Inas Mann.

Autor:  Petra [ Fr 20. Apr 2012, 23:37 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo Ihr Zwei,

es freut mich sehr, dass ich mit dem Artikel über das Wasser in der Literatur etwas interessantes für Euch entdeckt habe. :-)

Steffi, das Wasser als Sehnsuchtsmotiv kann ich mir auch gut bei Lenz denken. Überhaupt klingt bei ihm immer die Sehnsucht mit, nicht wahr? Ich mag ihn deswegen sehr. In seinen Texten steckt so viel Mensch, so viel Seele, so viel Herz. Und das auf eine so herrlich unaufdringliche Art.

Autor:  JMaria [ Sa 21. Apr 2012, 10:38 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo zusammen,

Petra hat geschrieben:
Steffi, das Wasser als Sehnsuchtsmotiv kann ich mir auch gut bei Lenz denken. Überhaupt klingt bei ihm immer die Sehnsucht mit, nicht wahr? Ich mag ihn deswegen sehr. In seinen Texten steckt so viel Mensch, so viel Seele, so viel Herz. Und das auf eine so herrlich unaufdringliche Art.



in diesem Zusammenhang ist es interessant sich zu erinnern, dass im "Heimatmuseum" das Element Feuer herrschte. Verlust - Neuaufbau - Verlust durch selbstgelegten Brand... Daraus resultierend, dass Heimat kein starrer Begriff ist, sondern aus dem Gefühl heraus kommt und aus den Erinnerungen. Deswegen das sammeln und verlieren, aber was in uns ist, das ist das maßgebende.

Und hier geht Siegfried Lenz in "Exerzierplatz" vielleicht noch einen Schritt weiter und stößt uns Leser in eine grausame Realität, nämlich die des Vergessens; kein Erinnern mehr an eine Heimat.



Steffi hat geschrieben:
Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich das Thema Heimat immer mehr heraus. Hollenhusen mag Lebensgrundlage sein, aber Heimat kann es nicht ersetzen. Vor allem, weil der Besitz eines Grundstückes nicht sicher ist, wie man durch den Krieg gesehen hat. Überhaupt, die Besitzfrage stellt sich auch für Bruno nicht als es um den Schenkungsvertrag geht. Er verliert viele Sachen, er versteckt sie an verschiedenen Orten, womöglich als Versuch sich sicher zu fühlen. Und ist nicht das auch ein wichtiger Aspekt des Heimatbegriffs, dass man sich dort sicher fühlt ? Bruno fühlte sich in der Nähe des Chefs sicher, aber auch das stellt sich nun in Frage.



genau - sammeln und bewahren - und dann doch der Verlust. Und nun verliert Bruno auch noch den Beschützer.


Ich bin gespannt, wie weit Siegfried Lenz in "Exerzierplatz" geht.

Autor:  JMaria [ Sa 21. Apr 2012, 17:40 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

steffi hat geschrieben:
Ich bin inzwischen aud S. 160. Nach und nach erfahren wir mehr über die einzelnen Personen, Bruno hat eine kindliche Perspektive, später spricht er auch in der dritten Person von sich. Evtl. ein Hinweis, dass ihm der Verlust der Vaterfigur zu schaffen macht ?



soweit bin ich nun auch. Ein raffiniertes Stilmittel um die Verwirrung einer Person darzustellen, es hat was von einem Selbstgespräch.


Zitat:
Auch die Szene mit der Lehrerin war sehr schön - erinnert natürlich an Schweigeminute, könnte ich mir durchaus autobiografisch vorstellen.



ja, guter Gedanke :-)

Autor:  JMaria [ Mo 23. Apr 2012, 11:21 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo zusammen,

auffallend ist die Farbe gelb im Roman; gelbes Floß, gelbes Land ...
außerdem Brunos unstillbarer Durst und Hunger, wie er das Brot in sich hineinstopft, soviel wie möglich und liegend aus dem Fluß trinkt -stellt eine Gier nach Leben dar, oder ein religiöses Motiv? Bin mir nicht schlüssig.

Autor:  steffi [ Di 24. Apr 2012, 09:16 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

JMaria hat geschrieben:

Und hier geht Siegfried Lenz in "Exerzierplatz" vielleicht noch einen Schritt weiter und stößt uns Leser in eine grausame Realität, nämlich die des Vergessens; kein Erinnern mehr an eine Heimat.


Ein sehr interessanter Gedanke - beim Chef und bei Bruno ist es kein aktives Vergessen, die nachfolgende Generation setzt sich damit schon nicht mehr auseinander. Max, der ja alt genug ist, verweigert sich völlig und Joachim hat keine Beziehung zu dem Land.

Ist das nicht auch ein Voranschreiten, dass sich die Nachkriegsgeneration gar nicht mehr über die konkrete Muttererde definiert ? Ich frage mich, was Siegfried Lenz da gegenüberstellt - was bleibt, wenn es die starke Verbundenheit zum Boden nicht mehr gibt ? Familie oder gesellschaftliches Engagement (Bürgermeister) - eher nicht.

Brunos Situation geht mir zu Herzen, er hat so ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben, auch das mag die Vertriebenen damals ausgezeichnet haben.

Ich bin auf S. 260.

Autor:  JMaria [ Mi 25. Apr 2012, 16:05 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

steffi hat geschrieben:
Ein sehr interessanter Gedanke - beim Chef und bei Bruno ist es kein aktives Vergessen, die nachfolgende Generation setzt sich damit schon nicht mehr auseinander. Max, der ja alt genug ist, verweigert sich völlig und Joachim hat keine Beziehung zu dem Land.


Joachim hat nicht Talent wie sein Vater, doch interessiert er sich fürs Geschäft und hat einen Vertrag mit seinem Vater ausgehandelt. Sein Vater ist sehr stolz auf ihn. Vielleicht auch erleichtert, dass wenigstens ein Sohn ihm nachfolgt, wenn auch nur im kaufmännischen Sinne.

Max verweigert sich wohl aus dem Gefühl des Verlustes heraus. Trost findet er in Meister Eckharts Predigten, die er auch Bruno geschenkt hat.

Theorie des Eigentums. Der Mensch, der nichts will. Der Mensch, der nichts weiß. Der Mensch, der nichts hat.

Zufriedenheit wie sein Vater es definieren würde, empfand Max wohl nie... Sein Vater sagt von ihm .... Je unzufriedener Max mit dem Zustand der Welt ist, desto wohler fühlt er sich.

Die Traumfrequenzen die ab und zu auftauchen empfinde ich als etwas ganz besonderes in diesem Buch. Ich kann mich nicht erinnern, dass in einem seiner vorherigen Werke sie derart auftauchen.



Ich bin auf S. 260.

Autor:  steffi [ Do 26. Apr 2012, 10:59 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

JMaria hat geschrieben:

Die Traumfrequenzen die ab und zu auftauchen empfinde ich als etwas ganz besonderes in diesem Buch. Ich kann mich nicht erinnern, dass in einem seiner vorherigen Werke sie derart auftauchen.


Stimmt, jetzt wo du es sagst, fällt mir das auch auf. Ich empfinde sie als etwas Flirrendes, etwa so wie wenn man ein Spiegelbild im Wasser auftauchen sieht. Das ganze Leben auf dem Exerzierplatz scheint so zu sein, irgendwie nicht vollständig real, ein bißchen verzerrt obwohl sich der Chef so bemüht, den Boden als Anker zu benutzen.

JMaria hat geschrieben:

auffallend ist die Farbe gelb im Roman; gelbes Floß, gelbes Land ...


Gelb ist eine Farbe, die zwiespältig ist - einerseits kann sie Sonne, Behaglichkeit und Reichtum symbolisieren, ist aber andererseits auch negativ besetzt (yellow= feige) oder aber eine Warnfarbe.

JMaria hat geschrieben:
außerdem Brunos unstillbarer Durst und Hunger, wie er das Brot in sich hineinstopft, soviel wie möglich und liegend aus dem Fluß trinkt -stellt eine Gier nach Leben dar, oder ein religiöses Motiv? Bin mir nicht schlüssig.


Sehe ich auch so - ich tendiere aber eher dazu, dass es eine Lebensgier ist, Teil des Lebens zu sein und dieses Leben zu spüren.

Autor:  JMaria [ Fr 27. Apr 2012, 09:10 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo Steffi,

eine Frage zwischendurch:

Weißt du wer mit dem Hakenmann (oder wars Hakenmensch) gemeint ist?

Da Bruno den Begriff verwendet wenn er rückblickend erzählt, könnte es ein Symbol fürs 3. Reich bzw. für Hitler sein?

ich kann mich noch erinnern, dass S. L. auch in "Heimatmuseum" Umschreibungen für diese Menschen erfand z.B. ...völkische Seifensieder die Reinheit und Hygiene bringen, Uniformen mit Runen auf den Kragenspiegeln....

Mir gefällt, dass Siegfried Lenz diesen Menschen, die so viel Unheil brachten, unbenennt lässt, namenlos lässt.

Autor:  JMaria [ So 29. Apr 2012, 17:26 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Leserunde: Siegfried Lenz - Exerzierplatz

Hallo steffi,

Edit:
der Hakenmann ist wohl eine Sagengestalt eines Flußgottes, das würde zum Unglück das Bruno geschah, passen; (und nebenbei könnte es mMn auch eine gelungene Umschreibung der damaligen führenden Macht sein)

Ich bin nun auf S. 322
der Leser weiß nicht so recht, ob Zellers Demenz durch die Familie hochgespielt wird, wegen der Schenkung, oder ob Bruno das Ausmaß der Krankheit nicht bewußt wird.

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