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 Diverse Autoren: Niemand wusste, was morgen sein würde 
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Registriert: Di 15. Apr 2008, 14:35
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Beitrag Diverse Autoren: Niemand wusste, was morgen sein würde
„Der Krieg hört nicht auf, Piet. Heute, morgen, es wird immer Krieg sein. (…) Was sind wir für Unglücksraben“, schrieb die 17-jährige Russin Olga Popowa in einem Brief Ende 1943 an einen 22-jährigen Studenten aus Holland. Verzweifelte Worte, die eine Liebe ohne Hoffnung dokumentieren. Die beiden jungen Menschen teilten während des Zweiten Weltkrieges das gleiche Schicksal: Die Russin Olga und der holländische Student Piet arbeiteten als Zwangsarbeiter im Volkswagenwerk in der damaligen „Stadt des KdF-Wagens“. Ihre bewegende Geschichte und die anderer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erzählt die im Oktober 2007 erschienene Hörbuch-Doppel-CD unter dem Titel „‚Niemand wusste, was morgen sein würde.’ Ehemalige Zwangsarbeiter des Volkswagenwerks erinnern sich.“

Zwischen harter Arbeit, der Willkür der Aufseher und drohender Bombardierungen schreiben sich Olga und Piet trotz Verbotes Briefe und treffen sich heimlich. Die Liebe von Olga und Piet ist die eindringlichste der zwölf erzählten Geschichten. Denn sie vermittelt dem Zuhörer keine Fakten über den Arbeits- und Lebensalltag, sondern packt ihn anders: Das Opfers gewinnt ein besonderes Gesicht. Es sind junge Menschen, die lieben. Es sind Menschen voller Sehnsucht und unerfüllter Hoffnungen. So wird die Geschichte von Olga und Piet besonders für eine Generation, die sich vom Zweiten Weltkrieg und dem System der Zwangsarbeit nur noch berichten lassen kann, zu einer fesselnden Schilderung des menschlichen Lebens unter den Verhältnissen des Dritten Reiches, die eindringlicher ist, als jede tabellarische Auflistung der Opfer der Nationalsozialisten.

Gilbert Holzgang hat die Geschichten von zwölf Männern und Frauen inszeniert, die aus ganz Europa in die Rüstungsfabrik am Mittellandkanal verschleppt wurden. Vergebens wartet der Zuhörer auf große Sounds oder theatralische Musik - der freischaffende Dramaturg am Theater Zeitraum in Braunschweig arbeitet fast ausschließlich mit den gesprochenen oder geschriebenen Worten der ehemaligen Zwangsarbeiter. Diese beruhen auf zeitgenössischen Dokumenten und Erinnerungsberichten, die die Historische Kommunikation der Volkswagen AG in mehreren Publikationen zusammengetragen hat. Diese für manchen vielleicht sparsam erscheinende Inszenierung erklärt sich durch die Dramaturgie, die der Erinnerung eigen ist. Die Berichte über Hunger, Verachtung, Lageralltag und die Arbeit im Rüstungsbetrieb sprechen am besten für sich, sind authentische Dokumente und bedürfen nur geringer akustischer Unterstützung.

Neben die Geschichte von Olga und treten weitere Biographien, die kaum weniger berühren. Durch Holzgangs dramaturgischen Aufbau überschneiden sich die Erzählungen teilweise und dem Hörer erschließt sich nach und nach ein Netz von Beziehungen in der Lagergesellschaft: Die Jüdin Julia Weiss wurde nach der deutschen Besetzung Ungarns 1944 verhaftet und nach Aufenthalten in Auschwitz und Bergen-Belsen als Zwangsarbeiterin nach Fallersleben deportiert, um im Volkswagenwerk zu arbeiten. Dort kam sie Ende 1944 mit starken Schmerzen in der Leistengegend auf die Krankenstation: „Ich kam in das Krankenrevier wegen meines Blinddarms. (…) Ich habe erst später erfahren, dass ich fast gestorben wäre. Man hat mich nach der OP irgendwo liegen lassen, und es war Sara Bass, von der ich annahm, sie sei eine Deutsche, die mir half. Eine andere deutsche Schwester meinte wohl, man brauche sich nicht um mich zu kümmern, ich würde sowieso sterben.“ Auch die Geschichte der angesprochenen Sara Bass wird erzählt. Um dem Konzentrationslager zu entgehen, hatte sich die polnische Jüdin falsche Papiere beschafft und leistete schließlich Zwangsarbeit auf der Krankenstation des Volkswagenwerkes. Auch sie schildert das Zusammentreffen mit Julie Nicholson. „Wir wollten, dass sie überlebt (…). Wenig später stellten wir - die Schwestern - aus Alkohol aus der Apotheke und ein paar ‚organisierten’ Eiern Eierlikör her. Ich bat das ungarische Mädchen, das am Blindarm operiert worden war, in unser Büro, und da trank sie ein wenig von unserem ‚Likör’. Sie war ein hübsches Mädchen, und ich wollte ihr eine Freude machen. Die deutschen Krankenschwestern wollten mit den KZ-Frauen nichts zu tun haben.“ Diese Anekdote zeigt nicht nur das gemeinsame Schicksal der Zwangsarbeiter, sondern auch dass Menschlichkeit und Solidarität keine Selbstverständlichkeit waren.

Das Hörbuch „‚Niemand wusste, was morgen sein würde.’ Ehemalige Zwangsarbeiter des Volkswagenwerks erinnern sich“ ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungsgeschichte an die Zeit des Nationalsozialismus. Die über 145 Minuten dauernden Erzählungen bedürfen keiner medialen Untermauerung, denn sie führen besonders der Nachkriegsgeneration eindringlich vor Augen, dass die Achtung ihrer Würde in dieser Zeit nicht allen Menschen zu Teil wurde. Es ist die erste Produktion dieser Art zum Thema Zwangsarbeit und vermittelt diese nicht mit Aufmerksamkeit heischenden Mitteln und tosender Geschichtsdarstellung, sondern so, wie sie erlebt worden ist: einsam, voller Entbehrungen, aussichtslos, trist – und deshalb so tief prägend für die jungen Männer und Frauen, die von ihr betroffen waren.


Di 15. Apr 2008, 14:38
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