hier wurde ja neulich über "Fernsehsendungen zum Thema Bücher" diskutiert, u.a. auch über "Druckfrisch" von Denis Scheck, wo ich neugierigerweise mal via Internet hineingeschaut habe, einen Fernseher habe ich nämlich nicht.
Dort sah ich, daß Denis Scheck in der letzten Sendung vom 2.11. auch den Comic "Lost Girls" von Alan Moore und Melinda Gebbie empfohlen hat, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. Hier ist der zweiminütige Ausschnitt, in dem er neben drei anderen Büchern auch diesen Comic vorstellt: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/1078138
Seinen Vergleich mit dem Zauberberg fand ich allerliebst.
Der Text und das Szenario stammen von Alan Moore, einem berühmten englischen Comic-Autor, gezeichnet wurde der Comic von Melinda Gebbie. Inzwischen sind die beiden ein Ehepaar, denn sie lernten sich über der langjährigen Arbeit an diesem Comic näher kennen, verliebten sich ineinander und heirateten schließlich.
Die drei weiblichen Hauptfiguren Alice, Dorothy und Wendy sind gewissermaßen den drei Kinderbüchern "Alice im Wunderland" (1865), "Der Zauberer von Oz" (1900) und "Peter Pan" (1904) entnommen. Da der Comic im Jahr 1913 spielt, sind das keine Mädchen mehr, sondern sie sind entsprechend gealtert, Alice ist also die älteste: eine grauhaarige aber immer noch äußerst lebenslustige ältere Dame. Wenn die drei Frauen einander von ihren Jugend-Erlebnissen erzählen, sind das immer Spiegelungen der Handlungen aus den erwähnten drei Kinderbüchern, bekannte Motive daraus werden aufgegriffen und umgedeutet. Wendys Mann hat übrigens eine auffällige Ähnlichkeit mit Freud, was sicherlich kein Zufall ist. Der Titel des Comics, "Lost Girls", spielt auf die "Lost Boys" in Peter Pan an.
Sehr schön finde ich die pastellhaften Zeichnungen von Melinda Gebbie, deren phantasievolle Buntheit bisweilen einen merkwürdigen aber sehr reizvollen Kontrast zu der Derbheit der dargestellten Szenen bilden. Beim oberflächlichen Durchblättern sieht das alles sehr bunt und harmlos aus, aber das täuscht, es geht da schon richtig zur Sache; in allen Variationen: Nicht nur Mann mit Frau, sondern auch Frau mit Frau und Mann mit Mann, wobei die beteiligten Personen in ihren freizügigen Reden kein Blatt vor den Mund nehmen und auch die entsprechenden Körperteile ohne Feigenblatt ins Bild gesetzt werden.
Was in der Rezension nicht so betont wird: besonders im dritten und letzten Teil wird die Geschichte doch schon recht düster, es spielen Themen wie Vergewaltigung und Mißbrauch eine Rolle, die Schattenseiten der Lust und der egoistischen Begierde werden gezeigt. Das Buch endet mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, also dem endgültigen Einbruch der Barbarei und Brutalität, im letzten Panel wächst allerdings eine Blume aus den Trümmern, was etwas Hoffnung verspricht.
Ein sehr beachtlicher und phantasievoller Comic mit vielen Anspielungen auf Literatur und Kunst, mit teilweise wunderschönen Bildern, streckenweise aber auch verstörenden Bildern und Handlungen, die an die destruktive Seite der Lust gemahnen.
Kein billiger Comic: 75 Euro, das ist eine Menge Geld. Dafür bekommt man aber auch drei großformatige (größer als DIN-A4) in weißes Leinen gebundene Bände mit schönen Schutzumschlägen. Die Papier- und Druckqualität ist tadellos. Der Schuber sieht auch klasse aus. Erschienen ist "Lost Girls" in deutscher Übersetzung beim Cross-Cult-Verlag.
Schöne Grüße,
Wolf
