Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon steffi » Di 14. Jan 2020, 12:58

Ich habe mit Briefe an Véra von Vladimir Nabokov angefangen. Das Buch wird mich ein Weilchen begleiten, es ist nichts, was ich so weglesen werde. Ich habe die wunderschöne Ausgabe (Band 24) aus den Gesammelten Werken des Rowohlt Verlages, herausgegeben von Dieter E. Zimmer. Es ist in hellgraues Leinen gebunden und hat einen kleinen silbernen geprägten Schmetterling vorne drauf. Schöner kann man Nabokov nicht ehren. :schwaermt_herzchen:
Die umfangreiche und sehr interessante Einführung stammt von Brian Boyd.
Gruss von Steffi

:lesen:
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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Di 14. Jan 2020, 17:26

steffi hat geschrieben:Ich habe mit Briefe an Véra von Vladimir Nabokov angefangen. Das Buch wird mich ein Weilchen begleiten, es ist nichts, was ich so weglesen werde. Ich habe die wunderschöne Ausgabe (Band 24) aus den Gesammelten Werken des Rowohlt Verlages, herausgegeben von Dieter E. Zimmer. Es ist in hellgraues Leinen gebunden und hat einen kleinen silbernen geprägten Schmetterling vorne drauf. Schöner kann man Nabokov nicht ehren. :schwaermt_herzchen:
Die umfangreiche und sehr interessante Einführung stammt von Brian Boyd.



Das klingt sehr fein, Steffi !
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Do 16. Jan 2020, 20:52

Das Jahr ist mit "Was ich sonst noch verpasst habe" direkt mit einem absoluten Highlight gestartet, das zudem gleich zwei Folgekäufe verursacht hat.

Die Stories von Lucia Berlin sind zum Großteil autobiografisch. Besonders stark empfand ich sie in den Geschichten über sich als Alkoholikerin und als Mitarbeiterin in verschiedenen Krankenhäusern (z. B. in der Notfallaufnahme) inmitten sozialer Brennpunkte.

In manchen Geschichten tritt sie auch zunächst nur als Nebenfigur auf, auch manchmal mit Tarnnamen wie Dolores, Eloise oder Lucille. Aber man erkennt sie (an kleinen Details). Diese Idee mit den (unnützen, da leicht entarnbaren) Tarnnamen gefällt mir. Sie löst in mir den Gedanken aus, das manche vergangene Lebensabschnitte uns oft wie aus einem anderen Leben erscheinen. Als hätten wir sie selbst gar nicht erlebt, sondern jemand anders. Aber damals waren wir auch jemand anders. (Auch spielt bei diesen Namensgebungen sicher eine Rolle, dass sie die Stories vermutlich nie in einem Zusammenhang zueinander schreiben wollte. Dieser ergab sich jedoch im Fortlauf ihres Schreibens. So ergibt sich aus ihren Stories ein Mosaik, und trotz der Kurzform (Erzählungen) beinahe ein Roman.

In einer Story arbeitet sie in der Aufnahme in einem Krankenhaus und erzählt davon, und gleichzeitig auch die Geschichte einer der Patientinnen. Eine junge überforderte Mutter, für die man objektiv kein Verständnis würde haben wollen. Doch Lucia Berlin versetzt einen in ihre missliche Lage, und man versteht wie es sein kann, wie es kommen kann... großartig!

Lucia Berlin ist in ihrem Leben mit allen sozialen Schichten in Berührung gekommen, hat selbst in verschiedenen gelebt. Somit beherrscht sie die gesamte Range, und bewegt sich in allen sozialen Milieus ganz natürlich. Ihre Stories erlangen dadurch eine seltene Vielfalt.

Ich bin ganz hingerissen. Je mehr ich las, umso mehr wollte ich lesen. Ich habe mir gleich den zweiten Band bestellt und ihre Erinnerungen, Briefe und Bilder. Und sobald der dritte Band mit Erzählungen als TB herauskommt, werde ich auch diesen kaufen. Zu ihren Lebzeiten hatte Lucia Berlin nur eine kleine Leserschaft. Ich bin Lydia Davis, selbst ja großartige Meisterin der kurzen Form, dankbar für ihre Entdeckung (mehr dazu in diesem Artikel in der ZEIT online) und ich bin so dankbar für die deutsche Übersetzung der Stories von Antje Rávic Strubel, die der Arche Veralg (und zum Teil dtv, sowie der Kampa Verlag) herausgebracht hat.
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon Bonny » Sa 18. Jan 2020, 10:29

Hallo ihr Lieben,

@Petra, wow, das klingt ja wirklich nach einem ganz intensiven Leseerlebnis gleich zum Jahresbeginn, toll! Das macht mich sehr neugierig auf die Autorin.

Mein Lesejahr wird hoffentlich wieder etwas erfolgreicher als das letzte und beginnt mit der Geschichte des Wassers von Maja Lunde. Nachdem mich die Geschichte der Bienen sehr begeistert hat, bin ich gespannt. Es soll ja nicht so gut sein wie das erste, aber ich gehe da unvoreingenommen heran und lasse mich überraschen.

Die Wurzeln des Lebens, das ja auch in diese Art von Literatur passt, habe ich übrigens nicht zu Weihnachten bekommen, daher werde ich es mir dann doch selbst zulegen, dauert ja nicht mehr lange :kopf_mit_hand_aufstuetz:
Liebe Grüße,
Sabine

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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Sa 18. Jan 2020, 18:28

Maja Lunde steht auf meiner Merkliste. Ihre Themen könnten mir liegen. Schön, dass du ihre Romane erwähnst, Bonny :nicken_freudig: (toll auch, dass du wieder im SuB-Gerangel mitmachst :cheerleader: )


@Petra,
ich liebe ja gute Kurzgeschichten und lese interessiert deinen Beitrag zu „Was ich sonst noch verpasst habe“. Ich habe mir vor zwei Jahren das ebook auf englisch gekauft „A Manuel for Cleaning Women“. Dabei stelle ich nun fest, dass ich kaum noch in Englisch lese. Vielleicht schaff ich den Einstieg wieder. Lucia Berlins großes Vorbild soll ja Tschechow gewesen sein, was mich wiederum sehr an Katherine Mansfield erinnert, die ich über aus gerne und immer wieder lesen kann.
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon Petra » So 19. Jan 2020, 21:04

Schon lange liegt bei mir das Buch "Ein Winter in Hakkari" von Ferit Edgü. Darauf gebracht hat mich vor Jahren Lilywhite Lilith hier im Forum. Ich bin für den Buchtipp sehr dankbar, ohne sie hätte ich dieses wunderbare Stück Literatur nicht entdeckt.

Ferit Edgü gilt als Vertreter der türkischen experimentellen Literaturströmung. Es gibt auch Momente, die an Kafka erinnern. Doch hat Ferit Edgü einen ganz eigenen Ton, poetisch, lyrisch. Er malt in manchen Passagen Wortbilder.

In ein Dorf im Hochgebirge Ostanatoliens wird der Erzähler für ein Jahr als Lehrer geschickt, so wie es auch Ferit Edgü selbst ergangen ist. Der Erzähler spricht nicht die Sprache der Bewohner des Dorfes, und die kurdischen Bewohner sprechen seine Sprache nicht. In diesem Dorf lässt er alles hinter sich. Seine Vergangenheit, die Zivilisation und schließlich sich selbst. Er taucht ein in das Leben in diesem Dorf, und lehrt nicht nur die Schüler, sondern lernt auch selber, nimmt sich vieles mit. Gekommen als Schiffsbrüchiger (sinnbildlich, denn es bleibt unklar in welcher Form er im Leben Schiffbruch erlitten hat), sitzt er den ganzen Winter im tief verschneiten Bergdorf fest, verliert sich und findet sich. Und ist schließlich bereit neue Wege zu gehen. All das ist auf kleinstem Raum (230 Seiten) erzählt, in teilweise kurzen Passagen in lyrischem Stil. Es öffnen sich viele Türen und Gedanken.

Aber auch über die Menschen in dem Bergdorf, den ärmlichen Verhältnissen dort, der Hilflosigkeit dem Tod gegenüber, erzählt Ferit Edgü, was es auch zu einem politischen Buch macht.

Für mich ist die Lektüre auch besonders ansprechend, da mein Mann aus Anatolien kommt. Zwar nicht aus Ostanatolien, aber sein Dorf liegt ebenfalls im Taurusgebirge, und ist recht hoch gelegen. Ich kann mir sowohl die Landschaft, als auch die Schneemassen und die Berge, und solch ein Dorf gut vorstellen, da Ayhan mich in sein Dorf mitgenommen hatte, und auch noch ein Stückchen weiter rauf in die Berge, wo er viel Zeit verbracht hat.

Im Anschluss werde ich mir bestimmt noch die Verfilmung „Eine Saison in Hakkari“ anschauen. Auch diese verdanke ich einem Forumsmitglied.

@Bonny: Dass "Die Wurzeln des Lebens" in greifbare Nähe rücken (wo du es leider nicht zu Weihnachten geschenkt bekommen hast), ist schön. Und schön, dass du dir mit Maja Lunde die Zeit bis dahin vertreiben kannst. Thematisch auch auch in Richtung unsere Umwelt. Ich bin gespannt wie es dir gefällt, ich habe von ihr noch nichts gelesen.

Dass ich dich auf die Autorin Lucia Berlin und ihre Stories neugierig machen konnte, freut mich sehr. So lesenswert!

@Maria: Ja, Lucia Berlin verehrte Tschechow. Im Band „Was wirst du tun, wenn du gehst“ (diese Woche bei mir eingetroffen) beginnt die erste Story („Eine Frage der Perspektive“) folgendermaßen: „Stellen Sie sich Tschechows Erzählung Trauer in der ersten Person Singular vor.“ Sie schreibt in dieser Story über die Kunst des Schreibens, auch über Tschechow. Diese Geschichte („Point of View“) könnte in deiner englischsprachigen Ausgabe enthalten sein, schau mal nach wenn du magst. Mich würde auch interessieren, wie viele der 76 (oder 77 – es gibt unterschiedliche Angaben) Stories von Lucia Berlin in deiner Ausgabe enthalten sind. Vielleicht kannst du mal nachschauen?

Ja, vielleicht ist das eine gute Gelegenheit wieder in Englisch zu lesen, da du das englische ebook „A Manuel for Cleaning Women“ hast. Es gibt in „Was ich sonst noch verpasst habe“ auch ein paar Geschichten die aus ihrer Zeit, als sie als Putzfrau arbeitete, stammen. Eindrucksvoll.

Ich selbst habe lange Zeit nicht viel mit Kurzgeschichten anfangen können, wenn mir auch gelegentlich gelesene von Katherine Mansfield oder Lydia Davis durchaus gefallen haben. So richtig auf den Geschmack gekommen bin ich vor ein paar Jahren durch Elizabeth Strout, die in ihren Geschichten rund um Olive Kitteridge ja auch Kurzgeschichten erzählt, deren verbindendes Glied immer Olive Kitteridge ist. Dieses Frühjahr kommt ein zweiter Band rund um Olive Kitteridge heraus, auf den ich mich sehr freue. Auch in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ und „Alles ist möglich“ werden eher Kurzgeschichten erzählt, die durch die Figuren miteinander verwoben sind. Ich habe festgestellt, dass ich dafür ein besonderes Faible habe. Lucia Berlins Geschichten sind ja ebenfalls alle lose miteinander verwoben und ergeben ein Mosaik. Aber auch regt mich dieses wunderbare Leseerlebnis an, künftig häufiger Kurzgeschichten zu lesen. Wieder ansetzen möchte ich auch bei Lydia Davis und Katherine Mansfield. Aber es gibt auch viele andere zu entdecken, im Laufe der Jahre habe ich in meinem Regal einige angesammelt, für die nie die rechte Zeit war. Sie ist nun eingeläutet.
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon steffi » Mo 20. Jan 2020, 16:34

Petra, da hat das Lesejahr für dich ja ganz besonders begonnen ! Du machst nich auch neugierig auf Lucia Berlin, auch wenn ich selbst nicht der große Kurzgeschichtenfan bin. Aber wenn Zusammenhänge zwischen den Geschichten spürbar sind, spricht mich das auch mehr an.

Bonny, von Maja Lunde habe ich noch nichts gelesen, klingt aber auch ganz verlockend.

Ich habe am Wochenden Gnade von Toni Morrison gelesen. Es sind nur etwas mehr als 200 Seiten, aber doch zeigen sie den Beginn der Sklaverei im 17. Jahrhundert auf eine sehr berührende und menschliche Weise. Dazu kommt noch ein sehr moderner Stil - lesenswert !
Gruss von Steffi

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Vladimir Nabokov: Briefe an Véra

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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Di 21. Jan 2020, 15:49

@Steffi, „Gnade“ fand ich auch sehr schön. Toller Stil!
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Mi 22. Jan 2020, 17:45

Hallo Petra,

Lucia Berlin,
in meiner englischen ebook-Ausgabe ist „Point of View“ enthalten. Ingesamt sind es 43 Stories. Mit einem Vorwort von Linda Davies und einer Einführung von Stephen Emerson.

"Ein Winter in Hakkari" von Ferit Edgü klingt aber auch sehr gut. :nicken_freudig:
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leseerlebnisse 2020... ich lese gerade...

Beitragvon steffi » Do 23. Jan 2020, 17:37

Ich habe mit Aus der Dunkelheit strahlendes Licht von Petina Gappah angefangen. Der Afrikaforscher David Livingston ist tot und seine Begleiter tragen seine Leiche 1500 Meilen bis zur Küste, damit er in seiner Heimat begraben werden kann. Erzählt wird diese wahre Geschichte von der Köchin Halima und dem missionierten Afrikaner Jacob Wainwright. Halima ist eine sehr gewitzte und eloquente Erzählerin, deren Blick auf Livingstone und seinem zwiespältigen Verhältnis zur Sklaverei durchaus kritische Gedanken weckt. Es macht sehr viel Spaß, das zu lesen !
Gruss von Steffi

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