Nach ein paar erholsamen Wochen in unserer zweiten Heimat, der Türkei, sind wir zurück, und ich finde hin und wieder die nötige Ruhe und Konzentration zum Lesen. Fürs wieder reinkommen habe ich mir genau das richtige Buch ausgesucht:
„Die Briefeschreiberin“ von
Virginia Evans.
Sybil van Antwerp, 73 Jahre alt, schreibt seit langem jeden Morgen in ihrem Haus, das am Ufer des Severn Rivers in Arnold Maryland liegt, Briefe. An ihren Bruder, dem Sohn eines ehemaligen Kollegen, an ihre besten Freundin und zugleich Schwägerin, ihrem Nachbarn, Autorinnen etc.. Auf diese Art erfährt man, was sie derzeit bewegt, ihre Ängste und was sie erlebt. Auch ihre private und berufliche Vergangenheit formt sich daraus wie ein Puzzle. Das ist großartig gelungen, und es macht mir viel Freude Sybil van Antwerp durch ihre Korrespondenz zu begleiten. Sie hat einen sehr würdigen feinen Schreibstil, und sie erhält viele Antworten auf ihre Briefe, die ebenso interessant zu lesen sind.
Spannend finde ich, dass sie auch Briefe an Autorinnen schreibt. Z. B. an Ann Patchett und an Joan Didion. Ich haben nachgeforscht. Virginia Evans lässt ihre Figur Sybil van Antwerp mit Schriftstellerinnen korrespondieren, deren Bücher für Virginia Evans selbst eine große Bedeutung haben. Virignia Evans soll in einem Interview gesagt haben, dass sie über Jahre Schriftsteller angeschrieben hat, ohne zu erwarten eine Antwort zu bekommen, u. a. Joan Didion. Mit Ann Patchett hingegen entstand tatsächlich eine fortlaufende Korrespondenz und eine Freundschaft. Die fiktive Korrespondenz in dem Roman mit Joan Didion setzt die Autorin ein, um einen Teil des Lebens ihrer Figur Sybil van Antwerp auszuloten.
Auf die Idee einen Briefroman zu schreiben kam Virgina Evans, nachdem sie begeistert „84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff gelesen hatte, und weil auch für sie selbst handgeschriebene Briefe einen besonderen Stellenwert haben.
Mir gefällt der Roman ausnehmend gut. Genau etwas für mich. Sybil van Antwerp ist eine interessante Frau, mit Ecken und Kanten. Ihre Gedanken zu Themen wie dem Altern, Verlust, und vielen anderen Dingen empfinde ich als bereichernd. Ich bin sehr neugierig darauf, mehr zu erfahren, und freue mich auf weitere Lesestunden.
Zuvor habe ich
„Kibogos Himmelfahrt“ von
Scholastique Mukasonga gelesen. In der Inhaltsangabe des Claassen Verlags steht „Ein moderner Mythos, die literarische Karambolage all der konkurrierenden Geschichten in einem kolonisierten Land!“, und das trifft es ganz genau. Die Mythen der ruandischen Bevölkerung wurden ausgetauscht gegen die der christlichen Kolonialherren und Missionare. Und doch kann man die Geschichten der Vorfahren nicht auslöschen. Und das ist gut so!
Beim Lesen musste ich schmunzeln. Die Mythen und Praktiken der Ruander lesen sich wie Geschichten von Abergläubischen. Die der Christen aber auch!

Und doch wird hier Glauben nicht verlacht (was ich wichtig finde), sondern es wird offen gelassen, ob und welcher Zauber oder Glaube nun geholfen hat. Doch es wird unser überheblicher westlicher Blick auf andere Völker ad absurdum geführt, auf eine herrliche Art und Weise. Und gleichzeitig wird dem Leser vor Augen geführt, was wir uns angemaßt haben. Ein tolles kurzes Buch!
Steffi, auf Sanditz machst du mich sehr neugierig. Das klingt wirklich reizvoll! Zumal es anscheinend so gut gemacht ist.
Maria, toll, dass du "Wölfe" gelesen hast. Du erinnerst mich daran, dass der Roman (und die weiteren) auch schon lange auf meine Lesezeit warten. Deine Begeisterung lässt sie wieder weiter nach oben rutschen.