Julia Kröhn:
Die ChronistinDieses Buch hat mir meine Briefmarkenfreundin geschickt. Sie hat sich daran wohl so hochgeschaukelt, dass sie jemanden braucht, mit dem sie sich darüber austauschen kann.
Und ja, noch bevor die Geschichte überhaupt beginnt, kann die erste Seite frau schon auf die Palme bringen:
Die Frau soll den Anstand und die Weisheit besitzen, nicht zu zeigen, wie viel Verstand sie hat. Ein Mann soll in vielen Wissenschaften bewandert sein. Die Erziehung einer vornehmen Dame aber schreibt vor, dass eine Edelfrau, die anständig und von guter Abstammung ist, nicht zu viel Klugheit besitzt. Die Einfältigkeit steht den Damen gut an.
Thomasin von Zirklaere (13. Jahrhundert)
Die Frau ist ein Missgriff der Natur... körperlich und geistig minderwertiger... eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann. Ihr wesentlicher Wert liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen.
Thomas von Aquin (13. Jahrhundert)
Sorge dafür, dass der Junge mit sechs oder sieben Jahren lesen lernt, und lass ihn entweder studieren oder das Gewerbe erlernen, das ihm die meiste Freude macht. Handelt es sich um ein Mädchen, so setze es in die Küche und nicht hinter das Lesebuch.
Paolo de Certaldo (14. Jahrhundert)
Anno Domini 1245 fand man im Damenstift zu Corbeil eine Tote. Man war sich schnell eilig, dass es sich um Ragnhild von Eistershaum, besser bekannt als Sophia, die Weise, handelte. Sie war die Älteste und die Wortkargste unter den Schwestern im Stift. Nur, dass sie an einer Chronik schrieb, gab sie von sich preis.
Anno Domini 1184 bis 1188
Sophia kam schon als Säugling in das Damenstift zu Corbeil. Sie hatte einen regen Geist.
Sie war kaum fünf Jahre alt, da las sie flüssig. Sie war kaum sechs, da übersetzte sie lateinische Texte noch beim Lesen ins Deutsche. Sie war kaum sieben, da konnte sie die zwölf Bücher von Vergils Aeneis mit ihren 952 Versen auswendig und alle Psalmen.
Erlebtes und Gehörtes vergas sie schnell. Doch was sie sich aufschrieb oder was sie las, blieb in ihrem Kopf haften.
Und das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie musste mit dem Teufel im Bunde stehen.
Doch Sophia war zu eingebildet, stolz und hochmütig. Nach einem Streit mit Mechthild wurde ihr für Jahre verboten, das Skriptorium, in dem sie arbeitete, zu betreten. So kam es, dass sie Dienst in der Krankenstube tat. Auch hier lernte sie schnell, wurde jeden Tag gelobt. Aber sie war unglücklich und missmutig.
Doch sie versucht alles, um wieder in die Bibliothek zu dürfen. Auf dem Weg dorthin starben bisher zwei Menschen und die Bibliothek ging in Flammen auf.