Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

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Re: Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

Beitragvon steffi » Mo 19. Sep 2022, 11:28

Danke, dass du erwähnst, wo Thomas Mann die Kapitel geschrieben hat. Das finde ich sehr spannend !

August wird ja in der Novelle (Kapitel 5) nicht sehr positiv beschrieben. Er ist eher ein Geschäftsmann und kein Künstler, dazu immer schlechter Laune und kommt ganz nach seiner Mutter. Außerdem hat er Weimar nicht im FreiwilligenKorps gegen die Franzosen verteidigt.

Umso gespannter war ich auf Kapitel 6, indem August selbst zu Wort kommt. Es geht aber dann doch mehr um Goethe selbst, dessen Badereisen, Liebschaften und wie er diese in seinen Werken verarbeitet. Interessant auch, dass die geschäftliche Seite des Künstlers zur Sprache kommt. In diesen Themen findet sich sehr viel von Thomas Mann wieder, es sind sehr viele Aspekte, die auch ihn betreffen. Ich frage mich, ob es nicht ein bißchen vermessen ist, sich so mit Goethe zu identifizieren, aber denke mir, dass Thomas Mann das sicher so empfunden hat.

Ich bin mitten im 7.Kapitel, einem inneren Monolog Goethes. Ich finds ein bißchen verwirrend und anstregend zu lesen, so viele Anspielungen :breit_grins:
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Re: Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

Beitragvon JMaria » Mi 21. Sep 2022, 11:31


Umso gespannter war ich auf Kapitel 6, indem August selbst zu Wort kommt. Es geht aber dann doch mehr um Goethe selbst, dessen Badereisen, Liebschaften und wie er diese in seinen Werken verarbeitet.




Das stimmt. Wir sehen nun aus der Perspektive August auf den Dichterfürsten. Interessant sind Lotte wenige Gegenantworten, wenige Male durchaus hellsichtig, ist natürlich ein Kniff Thomas Manns um ein Gesamtbild zu produzieren (vermutlich ganz nach seinem Sinne, aber dennoch gut erkannt oder recherchiert)

„..Ottilie - liebt sie Sie, wie Sie da sind, ohne Umstände, oder liebt sie Ihre Umstände, die die eines berühmten Sohnes sind, so daß sie eigentlich den Vater liebte?“


Das Ende des 5. Kapitels und Anfang Kapitel 6 sind recht humorvoll, fast schon slapstickartig. Aber dann kommt die Ausführung über den Tod Christianes und eine grandiose Wortschöpfung von Th.M. Todesniederkunft. Das ist beeindruckend!


In diesen Themen findet sich sehr viel von Thomas Mann wieder, es sind sehr viele Aspekte, die auch ihn betreffen. Ich frage mich, ob es nicht ein bißchen vermessen ist, sich so mit Goethe zu identifizieren, aber denke mir, dass Thomas Mann das sicher so empfunden hat.


Die Debatte darüber wer den Dichterfürsten beerbt, scheint zu Thomas Manns Zeiten ein Thema gewesen zu sein. Auch Gerhart Hauptmann sah sich in dieser Rolle. Man muss sich also nicht wundern, das ThM ihn im Zauberberg als Mynheer Peeperkorn karikiert.

Ich komme zum 7. Kapitel. Mach bitte nicht zu schnell, bis zum WE komme ich nicht so oft zum lesen.
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Re: Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

Beitragvon JMaria » So 25. Sep 2022, 16:18

Ich habe die ungefähr die Hälfte des 7. Kapitels gelesen. Goethes innerer Monolog verwirrt mich etwas, aber es kommt sehr schön sein Verhältnis zu Schiller und sein Verhältnis zum Thema Zeit zu Tage. Wo Schiller streng strukturiert an sein Werk heranging, als ob er wußte dass er weniger Lebenszeit verfügt, ging Goethe eher seiner Inspiration nach, und wenn diese stockte, dann legte er das begonnene Werk beiseite und fing was anderes an.

Zeit, gib mir Zeit, gute Mutter [Natur], und ich tue alles.

Die Verbitterung, daß seine Farbenlehre bei der Wissenschaft abgelehnt wird und seine Hassliebe zu Newton können wir als Leser erahnen.

Aufgefallen ist mir wieder eine Parallele zwischen Goethe und Thomas Mann. Beide beschäftigten sich mit Luther, aber ihre Werke dazu konnten sie nicht vollbringen.

Goethe plante mit Zelter eine Reformationskantate und sogar ein Luther-Monument hat Goethe skizziert. Thomas Mann plante ein Theaterstück namens Luthers Hochzeit und befasste sich bis zu seinem Tod mit dem Thema.

http://www.luthermania.de/exhibits/show/katalog-nr-44

Die Worte „je dümmer, je sauer das Maul“ das ThM Goethe in den Mund legt, hat eher Luther-Charakter.

Und da wir schon bei Luther sind, noch der Hinweis, dass die Luther-Übersetzung heuer 500 Jahre alt wurde. Die Übersetzung war auch sprachbildend. Luther schuf Wörter wie „Lückenbüsser“, „Gewissensbiss“ und „Lästermaul“ – alles Begriffe, die wir heute noch verwenden. Es ist also kein Wunder, dass sich Goethe wie auch Thomas Mann mit Luther beschäftigten.
https://www.lutherhaus-eisenach.com/luther-2021-22

Der Diener „Carl“ (eigentlich Ferdinand Schreiber) tritt auf und der Monolog ist kurz unterbrochen.

Edit:
Könnte es sein, das Thomas Mann seine verfahrene Politik zu Deutschland am Anfang der Nazi-Diktatur mit Goethes Affinität zu Napoleon und seine späte Einsicht dazu verwebt? Goethe wurde ja auch von Schriftstellerkollegen getrieben, wie auch Thomas Mann. Mir kam es im inneren Monolog streckenweise so vor.

Sie meinen, sie sind Deutschland, aber ich bins, und ging’s zu Grunde mit Stumpf und Stiel, es dauerte in mir.

Ganz Thomas Mann, der im Exil sagte: „Wo ich bin, ist Deutschland! Ich trage meine Kultur in mir und betrachte mich nicht als gefallenen Menschen“.
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Re: Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

Beitragvon steffi » Do 29. Sep 2022, 10:53

Ich habe das 7. Kapitel beendet.

Ich denke auch dass Thomas Mann hier viele Parallelen zieht. Vergleichbar sind hier die politischen Sichtweisen, weitere Themen sind der Mensch als Künstler, das Genie und sein Umfeld und vielleicht auch der Künstler im Alter. Interessant ist natürlich auch, dass Goethe sehr menschlich dargestellt wird, zuweilen auch recht unsympathisch, eingebildet usw., das ist doch eine Darstellung, die weg vom verehrten Humanisten führt, womöglich dann auch, um den Naziideologien entgegenzuwirken.

Da das Kapitel sowohl durch den inneren Monolog als auch die vielen unterschiedlichen Themen heraussticht, kann man es sicher als zentrales Kapitel betrachten. Zugegeben, ich müsste es mehrmals lesen um einen wirklichen Überblick zu bekommen.
Gruss von Steffi

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Re: Leserunde: Thomas Mann - Lotte in Weimar

Beitragvon JMaria » Do 29. Sep 2022, 14:50

Thomas Mann hat sich ja auch richtig hineingekniet in die Materie. Er las…

noch einmal den „Werther“
Dichtung und Wahrheit
den Briefwechsel mit Zelter
die Aufzeichnungen von Friedrich Wilhelm Riemer
er studierte die klassischen Biographien
trug Auskünfte über Charlotte Buff zusammen, über die Gesellschaft in Weimar, über Goethes Sohn August, die letzte Liebe Ulrike von Levetzow, über Goethes Gewohnheiten, seine Karriere, typische Redewendungen… u.m.

( zu finden in der Biographie über Thomas Mann von Klaus Harpprecht)

Kapitel 7 habe ich beendet.
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