Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon JMaria » So 17. Mär 2024, 11:10

Der Schal als verbindendes Element finde ich äußerst gelungen.
Der Verfall eines Hauses und Gartens, wenn zwischen dem Wildwuchs noch die feuerrote Fackellilie zu sehen ist, das ist faszinierend und bedrückend zugleich. Hier bringt Virginia Woolf ihr ganzes Können hinein.

Im III.Teil „Zum Leuchtturm“ sehen wir wieder aus Lilys Perspektive das ganze Geschehen.
Mr Ramsay ist außer Rand und Band, er fordert Mitgefühl. Lily möchte nicht diesen (alten) Erwartungen entsprechen, sie sieht sich stark bedrängt. Sie stellt wieder ihre Staffelei auf um endlich ihr Bild zu malen, das sie seit zehn Jahren im Kopf hat.

Lily ist nun 44 Jahre. Ich glaube, ich habe irgendwo gelesen, dass Virginia Woolf 44 Jahre alt war, als sie „Zum Leuchtturm“ beendete.

Ich komme zu III/3
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon steffi » Mo 18. Mär 2024, 10:28

III/1-3:

Es ist schön, Lilly als Verbindung zum ersten Abschnitt zu sehen. Alle drei Erwachsenen verbindet die Erinnerung an Mrs Ramsay und die Vergangenheit. Es ist fast so, als ob keine Zeit vergangen wäre, wenn Lilly am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen hat sie eher Bedauern für Mr Ramsay übrig.

Ich sehe auch Lilly in Anlehnung an Virginia. Lilly malt das Bild, Virginia schreibt Zum Leuchtturm, vielleicht auch als Bewältigung der Vergangenheit, dem Tod der Mutter und Geschwister und dem Vater.
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon JMaria » Mi 20. Mär 2024, 12:42

steffi hat geschrieben:III/1-3:

Es ist schön, Lilly als Verbindung zum ersten Abschnitt zu sehen. Alle drei Erwachsenen verbindet die Erinnerung an Mrs Ramsay und die Vergangenheit. Es ist fast so, als ob keine Zeit vergangen wäre, wenn Lilly am Frühstückstisch sitzt. Inzwischen hat sie eher Bedauern für Mr Ramsay übrig.

Ich sehe auch Lilly in Anlehnung an Virginia. Lilly malt das Bild, Virginia schreibt Zum Leuchtturm, vielleicht auch als Bewältigung der Vergangenheit, dem Tod der Mutter und Geschwister und dem Vater.




Und sie hat die Worte von Mr Bankes im Ohr: „Frauen können nicht schreiben, Frauen können nicht malen“. Und dennoch konnte er Lily auch zuhören und war ein Freund. Aber eine Ehe kam nicht zu Stande. Die Ehe zwischen Minta und Paul Rayley war auch nicht erfolgreich, aber Minta arrangiert sich und es bleibt Freundschaft.

Man kann darin auch Virginia und Leonard erkennen. Auch eine komplexe Ehe und Freundschaft.

Lily malt wie in einem Tunnel und lässt Mrs Ramsay wieder auferstehen für ihr Bild.

Ich las kürzlich den Satz, dass die Frauen dazu da waren, die Männer zu erhöhen. Und wenn man Mr Ramsay betrachtet, hat das VW Bestens dargestellt. Und wie du oben erwähnst, ist es auch eine Bewältigung der Vergangenheit für Virginia Woolf. Sie hat Zum Leuchtturm auch schnell schrieben, wie eine Therapie.
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon steffi » Mi 20. Mär 2024, 13:18

Gerade diese Kapitel ( 4-7) sind für mich eine Art Abrechnung.

Cam und James rechnen mit Mr Ramsey ab. Obwohl Cam eine gewisse Loyalität und Bewunderung ihrem Vater bzw seiner männlichen Rolle hat, erkennt sie doch wenigstens die Tyrannei, die dahinter steckt. Die Männer unterhalten sich über Schiffbruch und Tod während Cam sich nur über ihren Welpen unterhalten kann. Cam ist sich ihrer Gefühle und Rolle noch unschlüssig. James will die Tyrannei seines Vaters abstreifen.

Lilly rechnet mit ihrem einseitigen früheren Bild von Mrs Ramsey ab. Zunächst hatte sie sie ja wegen ihrer weiblichen Rolle verachtet, denn Lilly selbst kommt ja ohne Heiraten aus. Dazu kommt, wie du schon schreibst, die gescheiterte Ehe der Rayleys. Aber dann erkennt Lilly doch, dass Mrs Ramsey eine vielschichtigere Person war, als sie glaubte. Diese Versöhnlichkeit und Anerkennung finde ich sehr schön. Auch wie Virginia Woolf die Farben die Lilly benutzt, einbettet.

„…nichts bleibt, alles verändert sich, bis auf Worte, bis auf Farbe.“ Das finde ich ein passendes Motto für den Roman.
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon JMaria » Mi 20. Mär 2024, 13:55

Cam und James rechnen mit Mr Ramsey ab. Obwohl Cam eine gewisse Loyalität und Bewunderung ihrem Vater bzw seiner männlichen Rolle hat, erkennt sie doch wenigstens die Tyrannei, die dahinter steckt. Die Männer unterhalten sich über Schiffbruch und Tod während Cam sich nur über ihren Welpen unterhalten kann. Cam ist sich ihrer Gefühle und Rolle noch unschlüssig. James will die Tyrannei seines Vaters abstreifen.


Eine Abrechnung die weh tun muss!
Wie im Kapitel 6 als dem Fisch ein Stück Köder rausgeschnitten wurde und lebend wieder ins Wasser geworfen wurde.

Die Perspektiven sind nochmals interessant.
Lily hat die Möglichkeit auf ihrem Bild die Dinge zu versetzen, die draußen auf dem Meer haben gerade eine Flaute sind meilenweit von der Bucht und vom Leuchtturm entfernt und müssen auf die nächste Brise warten.

Mir gefällt Mr Carmichael. Der in Kriegszeiten nochmals einen Erfolg mit seiner Lyrik erleben durfte und entspannt und abgeklärt nun auf der Terrasse liegt und sich sonnt. Das wahre Alter ist das Altwerden ?

Ich komme zu III/10. Kapitel.
Schöne Grüße, Maria
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon JMaria » Do 21. Mär 2024, 12:03

Hallo Steffi,

ich habe „Zum Leuchtturm“ beendet und fand es am Ende, trotz Abrechnung der Kinder mit dem Vater und Lily mit Mrs Ramsay, versöhnlich. Die Fahrt zum Leuchtturm die verspätet nach 10 Jahren unter Druck des Vaters doch noch stattfindet, bietet für die Familie die Chance wieder zueinander und zu sich selbst zu finden. Mit allen Konsequenzen, dass die Kinder sich nicht tyrannisieren lassen wollen, bis zu der Erkenntnis, dass Mr und Mrs Ramsay doch vielschichtiger sind.

Es gibt im Buch wunderbare Sätze, z. B. über gleichbleibende Schönheit, wo hingegen ein vom Leben gezeichnetes Gesicht eine viel tiefere Schönheit birgt.


… nichts bleibt, alles verändert sich, bis auf Worte, bis auf Farbe.“ Das finde ich ein passendes Motto für den Roman.


:daumen_hoch:

Ein wunderbares Buch.
Schöne Grüße, Maria
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon steffi » Sa 23. Mär 2024, 09:50

Hallo JMaria,

ich habe es ebenfalls beendet.

Du hast Recht, es ist am Ende versöhnlich. Mit der Entfernung, die ja so auch von Lilly Briscoe thematisiert wird, erscheinen ja Dinge in einem anderen Licht, man empfindet und erkennt andere Dinge. Sowohl James als auch Lilly geht es so. Schön auch, dass das Bild fertiggestellt werden kann - und auch das Bild, das uns Virginia Woolf von ihrer Kindheit gezeichnet hat - und so ein Augenblick festgehalten wird. Das ist schon alles sehr stimmig.

Vom Stil empfand ich den dritten Teil viel näher an der späteren Virginia als den ersten, der noch konventioneller war. Die Gefühle waren intensiver dargestellt. Diese Weiterentwicklung gefiel mir ebenfalls, weil es so gut zum Thema des Buches passt.

Ein wunderbares Buch und schön, dass wir es nochmal zusammen entdecken konnten !
Gruss von Steffi

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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon JMaria » So 24. Mär 2024, 10:39

Hallo Steffi,

Es war sehr schön mit dir nochmals „Zum Leuchtturm“ zu lesen.
Ich werde die frischen Eindrücke mit zu meinen neuen Lesestoff nehmen:

Cecile Wajsbrot: Nevermore
Übersetzt von Anne Weber

https://www.wallstein-verlag.de/9783835 ... rmore.html
Schöne Grüße, Maria
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Re: Leserunde: Virginia Woolf - Zum Leuchtturm

Beitragvon steffi » Mo 25. Mär 2024, 17:55

Sehr gute Idee !

Ich möchte das Buch auch zeitnah lesen :lesen:
Gruss von Steffi

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