Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » Di 29. Mai 2018, 12:48

Die Philosophie der "Möglichkeiten" geht auf Nietzsche zurück, dessen Schriften Musil (wie auch andere Schriftsteller) stark beeinflusste.

Übrigens, es gibt ein Hörspiel-Klassiker ..
Nach der gleichnamigen Posse in 3 Akten von Robert Musil, in einer Bearbeitung von Ingeborg Bachmann

Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer
https://www.swr.de/swr2/programm/sendun ... index.html

Mit: Charlotte Weniger, Klaus Schwarzkopf, Hermann Schomberg, Paul Hoffmann u. a.
Hörspielbearbeitung: Ingeborg Bachmann
Regie: Oswald Döpke
(Produktion: RB/SDR 1959)

auch darin geht es um einen Möglichkeitsmenschen, der Wirklichkeit verweigernd, aber dennoch Geld benötigt ;-)
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon steffi » Di 5. Jun 2018, 15:07

Hallo JMaria, wie gehts dir mit Musil ?

Ich komme zum 35. Kapitel. Es werden noch immer Leute vorgestellt:
Dr. Arnheim, der sehr reich ist und die Ideen der Wirtschaft vertritt. Ulrich mag ihn nicht. Diotima, die eigentlich Ermelinda/Hermine heißt und die die Parallelaktion vorantreibt, sie könnte den Idealismus verkörpern. Bonadea, die Geliebte Ulrichs, deren Eifersucht langweilt Ulrich.

Ich finde die Personen alle ziemlich interessant geschildert. Die Handlung wird aber nicht vorangetrieben.

Wie findest du die essaistischen Einsprengsel ? Ich finde es manchmal ermüdend, den gewundenen Erklärungen und Gedanken Musils zu folgen.

Ich muss während des Lesens immer mal an Doderer denken, der seine Ideen ganz anders und unterhaltsamer darstellt und doch im gleichen Milieu. Was mir bisher fehlt, ist Ironie oder Witz - es kommt mir alles sehr ernst vor.
Gruss von Steffi

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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » Fr 8. Jun 2018, 15:06

Hallo Steffi,

ermüdend, könnte ich jetzt nicht sagen, obwohl ich durchaus überlegte ob ich das Kapitel 28 "Ein Kapitel, das jeder überschlagen kann, der von der Beschäftigung mit Gedanken keine besondere Meinung hat" tatsächlich überschlagen sollte. Doch ich war neugierig genug um es zu lesen. :breit_grins:

Darin sah ich einen Versuch des Autors mit dem Leser zu kokettieren. Er geht nur etwas zu analytisch-mathematisch vor.

Vielleicht steckt hier einiges von Musil selbst. Der Humor kommt ziemlich versteckt daher. Als Beispiel im Kapitel 32 über die Majors Gattin ... vor lauter Liebe reiste er so weit weg wie möglich (die Majors Gattin atmete auf) ... und nicht genug, am Ziel ... ließ er sich noch von einem Boot auf die nächste Insel übersetzen. Da musste ich sehr schmunzeln. Ich konnte mir das so gut vorstellen.


Ich stell mir die Figur Ulrich vor als einen Menschen, der Schwierigkeiten hat mit anderen Menschen eine Beziehung aufzubauen. Manchmal kommt mir das Wort "autistisch" in den Sinn. Obwohl der Begriff sehr viel beinhaltet und damals die Diagnose sicher nicht so weit war wie heute. Ich möchte auch nicht pauschalisieren, aber der Gedanke klopfte bei mir an und ich wollte es erwähnen. Vielleicht weil auch wenig Dialoge gibt , nur Innenansichten und dann und wann Blicke aus dem Fenster nach Außen.


Ich muss während des Lesens immer mal an Doderer denken, der seine Ideen ganz anders und unterhaltsamer darstellt und doch im gleichen Milieu. Was mir bisher fehlt, ist Ironie oder Witz - es kommt mir alles sehr ernst vor.



Vielleicht weil Musil politischer ist, wenn auch in einer versteckten Ebene?
und du hast recht, die essayistischen Einsprengsel wirken sehr trocken, geht mir auch so !

Ich komme zum 33 Kapitel !
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » Fr 8. Jun 2018, 15:21

erwähnen möchte ich noch einen Fund aus Franz Blei "Das große Bestiarium der modernen Literatur", wo der Autor diverse Autoren tierische Eigenschaften gab :lachend_auf_den_tisch_hau:

Über Robert Musil ...

Der Musil.
Der Musil ist ein edles, in schönen Proportionen kräftiggebautes Tier, an dem, da es zu der kleinen Familie der Damhirsche gehört, wo solches nicht Brauch, auffällt, daß es Winterschlaf hält. Der Musil schläft nach jedem reißend verlebten Jahre fünf Jahre lang in unzugänglichem Forst. Seine ungeheure Kraft der Muskeln nicht nur, sondern auch die hohe Sensibilität seines nervösen Lebens, welche der Musil in seinem wachen Jahre zeigt, scheinen den auffallend langen Winterschlaf nötig zu machen.


(und noch eine Kostprobe: Gottfried Benn)

Der Benn ist ein kleiner Lanzettfisch, den man zumeist in Leichenteilen Ertrunkener festgestellt hat. Fischt man solche Leichen an den Tag, so kriecht gern der Benn aus After oder Scham oder in diese hinein.



Sehr treffend, wenn man seine Lyrik kennt.

Hier kannst du mein reinschauen, wenn du Lust hast:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-gr ... tur-6980/2
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » So 17. Jun 2018, 13:10

Hallo Steffi,

Der Leser verweilt auch in den weiteren Kapiteln den essayistischen Gedanken Ulrichs, interessant wird es, wenn ich auf eine Äußerung stoße, die mich dann aus dem, zugebenermaßen, einlullenden Ton aufschreckt, um kurz darüber nachzudenken, was er damit jetzt wohl meint.

z.b. die Herrschaft der Wissenden und Philosophen. Eine Frage der Kompetenz! Wer hat das Recht zu wählen?

Man nennt das Epistokratie.

Auch findet sich immer wieder der Begriff der Umkehrung.

Nur beinahe ein Zustand der Bekehrung, der Umkehrung; keine Miene verschob sich von ihrem Platz, aber innen schien kein Atom an seiner Stelle zu bleiben.


Auch eine Duplizierung Ulrichs kommt immer wieder vor ...Zwei Ulriche gingen in diesem Augenblick.


Dann passiert mal was; Ulrich wird auf die Polizeiwache abgeführt; doch auch hier nur innere Gedanken. Das ist etwas mühselig. Dennoch finde ich es immer noch interessant diesem Geschehen zu folgen.

Ich komme zum 42. Kapitel.
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon steffi » Sa 23. Jun 2018, 12:31

Hallo JMaria,

diese Woche bin ich nicht so richtig zum Lesen gekommen und jetzt bei Kapitel 48.
Inzwischen bemerke ich auch die feine Ironie, was mir sehr gut gefällt. Auch finde ich viele Metaphern toll, zb dass die Menschen aus der Versammlung nach Hause strömen wie Wasser, das sich im Sand verläuft. Manchmal finde ich es abef auch etwas übertrieben.

In den letzten Kapiteln war viel von der Seele die Rede. Ich konnte Musils Gedanken da nicht immer folgen. ... er füllt die vielen Augenblicke seines Tags, ...an Stelle seines Idealzustands mit der Tätigkeit für seinen Idealzustand, daß heißt mit den vielen Mitteln zum Zweck, Hindernissen und Zwischenfällen aus, die ihm sicher verbürgen, daß er ihn niemals zu erreichen braucht. Der Idealzustand, Musil nennt es auch das Beseeltsein, ist nicht leicht zu ertragen. Ist das der Antrieb auch für die Parallelaktion ? Dieser vielleicht österreichischen Seele nahezukommdn oder dann doch lieber nicht nahezukommen, weil man sich dadurch ablenkt ?

Ich mag manche Gedankengänge aber manches verwirrt mich :breit_grins:
Gruss von Steffi

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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » Do 28. Jun 2018, 12:10

Die Erwähnung der Seele ist auffallend, das hast du recht, Steffi. Mir kam u.a. Goethe in den Sinn, in dem Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gibt es ja ein abgesondertes Kapitel über die „schöne Seele“.

Überhaupt kommt ja dieses Thema aus der Antike und wurde im 18. Jht auch von Schiller und anderen Schriftsteller und Philosophen weiterentwickelt. Ein guter Mensch ist schön und ein schöner Mensch muss gut sein, das ist wohl das Ziel.

Obwohl keine Figur, gibt es im Figurenlexikon einen Eintrag:
http://literaturlexikon.uni-saarland.de ... hp?id=1855

Das zeigt schon welch wichtige Stellung in MoE die Seele hat.

Ich bin im 48. Kapitel.

Ein Nebengedanke:
seit dem auftauchen von Moosbrugger, denke ich an Jacques Lantier aus „Die Bestie im Menschen“ und sein Bedürfnis Frauen zu töten,( durch genetische Veranlagung ). Ich habe das Buch mal begonnen zu lesen, aber nicht beendet, somit ist der Gedanke recht wage. Wenn Musil Naturalismus anwendet, dann versucht er es eher von der wissenschaftlichen Seite her zu erklären.

Edit:
Ich frag mich nämlich warum Musil einen Frauenmörder in die Geschichte bringt.
Schöne Grüße
Maria



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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon steffi » Mi 11. Jul 2018, 11:53

Hallo JMaria: auf Moosbrugger habe ich auch keine Antwort. Vielleicht verkörpert er das Sinnliche, nur Gefühle und kein Verstand ?

Ich komme zum 67. Kaptel. Davor schildert Ulrich ein Gespräch mit Arnheim. Während Ulrich der Meinung ist, dass man nie alles verwirklichen kann, was man denken kann, sieht Arnheim im geistigen Potential nur eine Hilfe, es soll sich der Verwirklichung unterordnen. Ich finde diese gegensätzliche Anschauungsweise sehr interessant. Während man in Ulrichs Position wahrscheinlich Gefahr läuft, passiv zu bleiben tendiert Arnheims eher zu impulsiverem Tätigwerden.

Ich muss weiterhin sagen, dass mir die essayistischen Passagen schwer fallen. Musils Gedankengängen kann ich nicht immer folgen. Auch die handelnden Personen sind eher Abbilder als lebensecht. Ich habe mir mal ein Gespräch laut vorgelesen und es wirkte sehr hölzern auf mich.
Gruss von Steffi

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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon JMaria » So 22. Jul 2018, 11:38

Ich komme zum 63. Kapitel. Ich hinke hinterher :mund_zu:

Dass Moosbrucker das Sinnliche darstellt, nur Gefühle und keinen Verstand, ist eine gute Überlegung. Das schließt auch eine Art Dysfunktion ein, finde ich.

Schwer fällt mir das individuelle in den einzelnen Figuren zu finden. Sie reden/denken wie mit einer Stimme. Da fehlt mir doch erkennbare Charaktere.

Allerdings sind manche Vergleiche wirklich zum Schießen :kichern:

Bonadea möchte Ulrich wieder als Geliebten an sich binden und versucht über Diotima das zu tun...

...diese verstand; aber sie bewunderte kühle Frauen mit dem gleichen Empfinden, wie unglückliche Besitzer ewig feuchter Hände ihre Hand in eine besondere trockene und schöne Hand legen.


Musils bildhafte Einsprengsel sind so treffend.

Ich muss weiterhin sagen, dass mir die essayistischen Passagen schwer fallen. Musils Gedankengängen kann ich nicht immer folgen. Auch die handelnden Personen sind eher Abbilder als lebensecht. Ich habe mir mal ein Gespräch laut vorgelesen und es wirkte sehr hölzern auf mich.



Du sagst es!
Schöne Grüße
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Re: Leserunde - Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Beitragvon steffi » Fr 3. Aug 2018, 12:01

Ich komme zum 74. Kapitel.

Auch weiterhin ist nichts greifbares von der Parallelhandlung in Sicht. Im Kapitel 70 erfahren wir jedoch etwas über Clarissa, das ihren Charakter etwas erklärt. Im 73. Kapitel taucht Gerda Fischel auf, auch sie ist an Ulrich interessiert. Vielleicht gibt das ja etwas Dynamik.

Nach wie vor empfinde ich die Personen zu blaß und die Handlung so gut wie nicht existent. Warum ich trotzdem dranbleibe, weiß ich eigentlich gar nicht - irgendwas ist interessant :breit_grins:
Gruss von Steffi

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