Manfred Krug: Abgehauen

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Manfred Krug: Abgehauen

Beitragvon Didonia » Mo 26. Nov 2018, 15:30

Klappentext

Krieche ich zu Kreuze,
bin ich kaputt. Krieche ich nicht zu
Kreuze, macht ihr mich kaputt.

Niemals ist das DDR-System transparenter beschrieben, niemals die Gefährlichkeit einer versuchten Symbiose von Macht und Kunst heller beleuchtet worden als in diesem Text. Manfred Krugs Erinnerungen sind ein aufregendes, erschütterndes Zeitdokument, das jedem die Augen öffnet, auch wenn er einer anderen Generation angehört.


Meine Gedanken

Manfred Krug war bis dahin, als seine Schwierigkeiten begannen, ein Volksschauspieler in der DDR. Er hat äußerst gut verdient, konnte sich ein Einfamilienhaus, wie er es nannte, leisten, das er allerdings im Laufe der Jahre auch erst wieder richtig hergerichtet hat, hatte ein Wassergrundstück und eine Reihe Oldtimer, die er wieder herrichten wollte. Er hat sich eingerichtet mit seiner Familie, mit Frau Ottilie und drei Kindern.

Dann kam der 17. November 1976. Wolf Biermann trat in Köln auf, kritisierte die DDR und postwendend wurde ihm die Wiedereinreise in die DDR verboten. Manfred Krug und viele andere Künstler setzten ihre Unterschrift unter dieses Protestschreiben:

Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein.

Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens „18. Brumaire“, dem zufolge die proletarische Revolution sich unablässig selber kritisiert, müßte im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können.

Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Biermanns und distanzieren uns von Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu mißbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel daran gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt.

Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossene Maßnahme zu überdenken.

17. November 1976


Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Manfred Krug und viele andere weigerten sich bei einem Treffen mit den Machthabern, die Unterschrift zurückzunehmen. Das hatte für ihn Konsequenzen. Sein Film „Spur der Steine“ blieb abgesetzt, seine Konzerte boykottiert, Regisseure weigerten sich, mit ihm zu arbeiten. Ein halbes Jahr ging das so. Dann reichte er einen Ausreiseantrag ein.

Warum das alles so bekannt ist? Manfred Krug hat das besagte Treffen auf Tonband aufgenommen. Und er schrieb Tagebuch ab dem Zeitpunkt, als er den Antrag eingereicht hat.

Das soll es zum Inhalt gewesen sein, obwohl es aus mir weiter heraussprudeln möchte. Nur eines möchte ich noch schreiben:

Hätte ich das Buch in den 90er Jahren gelesen, als Krug es veröffentlichte, wäre ich wohl schockiert gewesen. Wie ich über vieles schockiert war, was ich nach der Wende über die Machenschaften der DDR erfahren habe.

Heute aber, mit dem Wissen, was bei uns in der Welt geschieht, kann ich, so traurig es damals für jeden Einzelnen war, fast nur darüber lächeln. Nichtsdestotrotz ist mir Manne Krug am Wochenende richtig nah gekommen und ich bin froh, ihn auf diese Weise noch kennengelernt zu haben.
Lesende Grüße, Anne

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