Susanne Gretter: Mutig, mondän, motorisiert. Rasante Geschic

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Susanne Gretter: Mutig, mondän, motorisiert. Rasante Geschic

Beitragvon Didonia » Fr 1. Okt 2021, 09:03

Reisen mit dem Auto bieten eine gänzlich neue Möglichkeit der Welterkundung.
Guide Michelin, 1900

Ich habe schon eine Weile kein Buch vom wundervollen Elisabeth Sandmann Verlag mehr vorgestellt. Vom Gefühl her könnte ich sie hintereinander weglesen; aber ich möchte noch eine Weile das Vergnügen mit ihnen haben. Heute nun geht es um rasante, motorisierte Frauen. Frauen, die einige vielleicht als Schriftstellerinnen kennen, wie zum Beispiel Edith Wharton, Erika Mann, Annemarie Schwarzenbach oder Francoise Sagan. Hier nun lernen wir sie von ihrer abenteuerlichen Seite kennen:

Ich fühl mich wie ein geölter Blitz, du nicht?
Erika Mann

Das Buch ist aufgegliedert in fünf Kapitel. Da geht es um Schriftstellerinnen, Abenteurerinnen, Künstlerinnen, Rennfahrerinnen und Pionierinnen.

Auto zu fahren war für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Frage der Mode und ein doch unbequemes Reisen. Für die Männer gab es einen Markt; sie trugen zum Beispiel praktische Ledermäntel. Alice Ramsey, die mit drei Mitfahrerinnen als erste Frau im Auto die USA durchquerte, erinnerte sich: Wir sahen aus wie Nonnen; wegen des starken Regens bei ihrem Start trugen die Frauen voluminöse Regenmäntel und auf dem Kopf unbeschreibbare Gebilde. Und doch schreibt Edith Wharton in "Frankreichfahrt": Das Auto hat den Zauber des Reisens wiederbelebt...


Doch so "von allen Zwängen befreit" schauen die vier rechts auf dem Cover nicht aus.

Was die Kleidung betrifft: Die doch wenigen Frauen, die selbst fuhren, trugen Mäntel aus Stoff oder Kautschuk. Sie mussten aber Koffer mitführen mit Kleidern und Hüten, um bei Zwischenstopps wie Frauen auszusehen.

Da die Engländerin Dorothy Levitt beim Autofahren nicht wie ein Mann aussehen wollte, gab sie 1909 einen Ratgeber für die Frau am Steuer heraus. Die Rennfahrerinnen der 1920er Jahre meisterten dabei einen wahren Spagat: Einerseits wollten sie den Männern nicht nachstehen, sollten dabei aber damenhaft bleiben. Dorothy Levitt empfahl daher, sich ganz normal gekleidet ans Steuer zu setzen, zur Sicherheit aber einen Overall mitzunehmen, falls am Wagen etwas repariert werden musste.
Das Problem war erst behoben, als sich in den 20er Jahren der geschlossene Wagen durchsetzte.

Schriftstellerinnen

Francoise Sagan (1935-2004)
Vom Vorschuss ihres Debüts "Bonjour tristesse" konnte sie sich einen Leopardenmantel leisten und vom folgenden Honorar eine kleine Autoflotte. Und es waren durchweg schnelle Autos (zwei Jaguars, einen Gordini, Aston Martin und einen Ferrari). Am liebsten fuhr sie barfuß, um die Vibrationen des Motors besser zu spüren.
Gertrude Stein (1874-1946)
Als der Erste Weltkrieg begann, befanden sich Gertrude Stein (die hier Gespräche mit Verlegern führte) und Alice B. Toklas in England. Als sie sich in Spanien aufhielten, erreichten sie beunruhigende Nachrichten aus Paris. Alice B. Toklas strickt für französische Soldaten Socken und Pullover. Doch im Juni 1916, nach der Schlacht um Verdun, reisen sie nach Paris zurück. Hier sehen sie ein Automobil vom Amerikanischen Fonds für französische Verwundete, gefahren von einer Frau. Und schon war eine Idee da, sich dem anzuschließen. Gertrude Stein beschreibt ihre Fahrkünste mit erstaunlicher Selbstironie...

Edith Wharton (1862-1937)
Mit vier Jahren reist Edith Wharton mit den Eltern nach Rom. Von dort aus geht es nach Spanien, Italien und Frankreich. Diese erste Reise war es, wie sie später sagte, die die Reiselust in ihr geweckt habe. Und so überquert sie im Laufe ihres Lebens sechzigmal den Atlantik.
Auch ihr Mann Edward Wharton reiste gerne. Während sie zu Beginn mit Pferdekutsche und Eisenbahn unterwegs waren, schufen sie sich 1904 das erste eigene Auto an.

Das Auto hat den Zauber des Reisens wiederbelebt. Es hat uns von allen Zwängen und Kontakten befreit, die dem Reisen mit der Eisenbahn anhaften, von der Sklaverei des Fahrplans und der vorgegebenen Wege, der Annäherung an die Städte durch die von der Eisenbahn selbst geschaffenen Bezirke der Hässlichkeit und Trostlosigkeit, es hat uns das Staunen, das Abenteuer und die Neuheit zurückgegeben, die den Weg unserer mit der Postkutsche reisenden Großeltern belebten. - S. 32

Ihren Autos, die sie nicht selbst fuhr, sie hatte einen langjährigen Chauffeur, gab sie Namen nach AutorInnen.


Über folgende Frauen und ihre Autos erfahren wir noch in diesem Buch:

Abenteurerinnen

Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) - Eine neue verlockende Ferne
Erika Mann (1905-1969) - Lieber fahre ich mit dem Auto um die Welt
Alice Ramsey (1886-1983) - Die Automobilistin des Jahrhunderts

Künstlerinnen

Lena Amsel (1898-1929) - Wettrennen in den Tod
Germaine Krull (1897-1985) - Die Flaneurin der automobilen Moderne
Ruth Landshoff-Yorck (1904-1966) - Frauen mit viel PS

Rennfahrerinnen

Dorothy Levitt (1882-1922) - Die Erfindung des Rückspiegels
Hellé Nice (1900-1984) - Die Bugatti Queen of Speed
Ernes Merck (1898-1927) - Die Frau in Rot

Pionierinnen

Clärenore Stinnes (1901-1990) - Im "Adler" durch zwei Welten
Bertha Benz (1849-1944) - Im "Hexenkarren" von Mannheim nach Pforzheim
Rosemarie Nitribitt (1933-1957) - Wirtschaftswunderkind


Namentlich sind mir diese Frauen alle schon begegnet, ihr Interesse für das Automobil ist mir bisher von den wenigsten bekannt. Von daher ein absolut interessantes und spannendes Buch für mich, das ich sehr empfehlen kann.
Lesende Grüße, Anne

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