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Bienek, Horst: Nachtstücke
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Autor:  Sprechliterat [ Mi 28. Feb 2018, 05:51 ]
Betreff des Beitrags:  Bienek, Horst: Nachtstücke

dtv sr 63 bietet Verhalten-Erregendes, wobei zu überlegen ist, wiefern die titelgebende Anspielung auf E.T.A. Hoffmann von den einzelnen Stücken des schmalen Bandes eingelöst wird. Das erste und das abschließende dieser neun, der Vollzahl der Musen huldigenden Kurzerzählungen möchte ich probeweise zur Lektüre empfehlen.
"Stimmen im Dunkel" ist ein klaustrophobisches Kammerspiel zwischen fünf Gefangenen, die sich in einem finsteren Kerkerloch befinden und einander anhand weniger Schatten und Hörassoziationen ihrer Bewegungen Tiernamen verpasst haben. Man denkt bei solchem Gefängnisstück, das der Autor wohl eigenen Erfahrungen seiner Haft in jungen Jahren nachempfunden hat, zufällig an eine Erzählung von Poe (Das Pendel) oder an den in lichtloser Ödnis vegetierenden Florestan Beethovens. Blindheit und das Sehen im Dunkeln sind Thema, sowie das reduziert-Sprachschöpferische in dieser Drangsal, die hilflosen Tiernamen. Ist dies gute Literatur, was der junge Bienek da geschrieben hat? Es ist Literatur, es vollzieht sich ein sprachliches Abtasten der Existenz, ein Sehenlernen wie die Gefangenen in ihrer Dunkelheit es performativ dem Leser vormachen. Plötzliche Aporie zum Schluß. Das ist Moderne. Ungewißheit.Isolation.

Das letzte Stück Prosa ist eine süffisan(ft)e Satire über "Die Tugend der Penelope". Ein dankbares Sujet, das den neugierigen Leser darauf aufmerksam macht, sich zu fragen: Wie fühlt sich diese jahrzehntelang warten müssende Penelope eigentlich, während all das passiert ringsum - und sie nur ihrem Image als tugendhafte Gattin ex post tapfer treu bleiben muß bei Tag und Nacht. Bienek erfindet eine pikante Anekdote um diese Frau, deren weibliche Bedürfnisse zuletzt siegen und sich freischwimmen, jedoch nicht ohne Rückschlag. Fast ein Stück 'sehr erotischer Prosa...' , die Bienek hier vorlegt, so heterogen all die andern Texte dieses Bandes daherkommen. Man möche insgesamt für diesen von einer Makrosatire sprechen, im ursprünglichen Wortsinn: eine Schale voller höchst unterschiedlicher Früchte.

Bienek, um den heute weniger gestritten wird als um die, die ihn überholt haben an Ruhm, sollte, zumindest anhand dieses Bandes wieder gelesen werden. Keine Avantgarde entdeckt man, doch suggestiven, Gefühl für Allzumenschliches vermittelndes literarischen Ton.

Guten Appetit

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