Ferraris, Zoe: Die letzte Sure

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Ferraris, Zoe: Die letzte Sure

Beitragvon Petra » Mo 13. Jul 2009, 14:49

Ferraris, Zoe
Die letzte Sure

Bild

Genre: Krimi
Seitenzahl: 411 Seiten
Verlag: Goldmann
Preis: 8,95 €
ISBN: 978-3442466986
Bewertung: ***/****
(* schlecht / ** ganz gut / *** gut / **** spitze)

Inhalt:

Dschidda: Nouf, Tochter aus wohlhabendem Hause ist verschwunden. Suchtrupps suchen nach ihr. Offensichtlich ist sie von zu Hause weggelaufen. Auch der Wüstenführer Nayir, ein Freund der Familie, hilft bei der Suche. Als Nouf endlich – tot – gefunden wird, werden Fragen aufgeworfen. Nouf ist ertrunken, wurde aber mitten in der Wüste in einem trockenen Wadi gefunden. Das lässt Nayir keine Ruhe. Ebenso die Frage, warum eine Tochter aus so gutem Hause weglaufen sollte. Eine Frau, die alles hatte, was man sich wünschen kann…

… schon bald stellt sich heraus, dass Nouf schwanger war. Undenkbar für eine unverheiratete Frau und eine Schande für die ganze Familie, die sich in Schweigen hüllt und lieber die Ehre rettet als den Mörder ihrer Tochter zu stellen und seiner gerechten Strafe zuzuführen.

Meine Meinung:

Ich war von der Idee fasziniert, einen Krimi in Saudi Arabien anzusiedeln und war gespannt auf die Hindernisse und Grenzen, vor die die Traditionen und der Glaube einen Ermittler stellen. Diese Erwartung wurde mehr als erfüllt. Die Geschichte bietet unzählige Gelegenheiten um aufzuzeigen, wie Männer und Frauen in diesem streng islamistischen Land leben, denken und handeln. Welchen Traditionen und Gesetzen sie unterworfen sind. Aus unserer Sicht unterworfen. Doch es wird ja auch der Sicht der Menschen dort erzählt und ist somit wertfreier. Das hat mir sehr gut gefallen, denn für die Menschen dort ist ihre Lebensart ja völlig normal. Und es wird auch deutlich, dass die Männer auch gar nicht die großen Probleme sehen. Die Frauen, die besonders unter den Einschränkungen zu leiden haben, hingegen schon. Zoe Ferraris lässt auf ganz geschickte Weise beide Geschlechter zu Wort kommen. Indem sie Noufs Verschwinden aufklären wollen (neben Nayir gibt es noch Katya, eine der wenigen arbeitenden Frauen, die in der Gerichtsmedzin für Fälle eingesetzt ist, in denen Frauen zu Tode kommen. Es ist unschicklich, dass Männer die Körper der Frauen untersuchen) und an die Grenzen stoßen, die ihnen ihre Gesetze und ihr Glauben setzen. Das fand ich höchst interessant.

Und Zoe Ferraris lässt auch spüren, dass nicht nur die Frauen unter der Situation, die sie ja nicht anders kennen, leiden. Sondern auch die Männer. So auch Nayir. Durch sein Beispiel wurde mir erstmalig deutlich, dass es auch für die Männer schwierig ist. Wer keine Familie hat um verheiratet zu werden, hat es schwer einen Ehepartner zu finden. Nayir ergeht es z. B. so. Auch eine interessante Facette an dieser Figur. Seine Sehnsucht nach einer Frau, im ständigen inneren Kampf mit der Sünde des Begehrens, der Sünde der Lüsternheit. Und die (nahezu) Unerfüllbarkeit seines Wunsches nach einer Ehefrau.

Auch die Probleme vor die Frauen gestellt sind, weil sie auf eigene Faust gar nichts unternehmen dürfen und sich bis auf die Augen verschleiern müssen, ergeben sich aus der hier erzählten Geschichte. Es war spannend sich in diese Probleme einzufühlen und sie sich dadurch erst in vollem Umfang bewusst zu machen. Auch wie allgegenwärtig für die Menschen dort der Glaube ist. Wie fest verankert er in ihren Gedanken ist. Dadurch wird auch bewusster, dass sich das nur ganz allmählich lockern und ändern kann. Und dass selbst das schwierig wäre.

Es freut mich, dass dies der Auftakt zu einer Serie ist. Denn die Figuren des Nayir und der Katya geben noch viel, viel Stoff her, den zu bearbeiten sich ganz gewiss lohnt. Allein schon die Frage ob Nayir irgendwann doch eine Ehefrau haben wird und wie sich solch ein Eheleben in diesem Kulturkreis gestaltet, das würde mich anhand seines Beispiels sehr interessieren.

Warum das Buch keine vollen 4 Sterne bekommt möchte ich auch nicht unberücksichtigt lassen. Denn das Buch hat zwei kleine Schwächen.

Die erste Schwäche sehe ich darin, dass ich stellenweise schon meinte zu spüren, dass der Handlungsverlauf nicht durch und durch natürlich war, sondern Zoe Ferraris einige Szenen nur eingebaut hat um dem Leser noch etwas wissenswertes über das Leben in dieser Kultur zu erzählen. Das sollte sie meiner Meinung nach auch gar nicht unterlassen, denn diese Dinge waren es, die diesen Roman für mich so außerordentlich interessant gemacht haben. Aber ich würde mir wünschen, dass es ihr im nächsten Band noch etwas besser gelingen würde, diese Dinge noch natürlicher in die Handlung einzubetten, so dass die Erzählung nahtloser und glatter ist und keine Bruchstellen aufweist.

Die zweite Schwäche zeigt sich stellenweise in einer ungenauen Sprache. Manches ist nicht eindeutig geschildert oder wurde vielleicht nicht ganz zu Ende gedacht, so dass die Logik/Nachvollziehbarkeit mancher Sätze/Begebenheiten etwas leidet. Man kommt zwar dahinter was wohl gemeint ist. Aber ohne unnötiges Rätseln seitens des Lesers wäre das natürlich schöner. Das bezieht sich aber nur auf einzelne Sätze und nicht etwa auf die Handlung an sich. Die ist in sich schlüssig. Und die ungenauen Satzpassagen sind auch selten, so ist es mir zwar aufgefallen, hat mich aber nicht weiter gestört. Zumal Zoe Ferraris ansonsten bildhaft und lebendig in ihren Schilderungen ist und sich ein sehr genaues Bild vor den Augen des Lesers aufbaut. So seien ihr kleine Sprachunsicherheiten (oder Ungenauigkeiten durch Flüchtigkeit) verziehen.

Die Krimihandlung zeichnet sich nicht unbedingt durch besondere Raffiniesse aus, aber sie bietet genau den passenden Rahmen um in einer unterhaltsamen, spannenden Geschichte die Grenzen aufzuzeigen, vor die die Menschen dort durch die Gesetze, den Glauben und ihre Traditionen gestellt sind. Somit fand ich es besser, dass der Leser hier nicht den erstaunlichsten Plot bekommt, sondern einen, der eben deutlich macht, wie dieses Erzwingen der Sittsamkeit und der Ehe andersherum ausschlagen kann. Dass diese strengen Regeln dem menschlichen Wesen nicht entsprechen und ihn unter ungeheuren Druck setzen können. Das war mir persönlich wichtiger und mir war es somit recht, dass der Focus nicht auf den Plot sondern auf die Themen drum herum gerichtet war. Bei der Auflösung ging es mir zwar dann wieder etwas zu steif und konstruiert zu – einen natürlicheren Handlungsverlauf hätte ich besser gefunden –, aber es hat mich nicht weiter gestört.

Durch diese Schwächen wären es bald nur 3 Sterne geworden. Aber der besondere (hochinteressante) Rahmen der Handlung hat das voll und ganz aufgewogen. Und: Endlich mal was ganz anderes! Allein das ist für einen Krimi-Vielleser wie mich schon erfreulich. Außerdem kann ich ihr den Vorwurf der Konstruktion nur stellenweise machen.

Erwähnen möchte ich noch, dass es Zoe Ferraris gut gelungen ist, mir die Wüste, Dschidda, die Räumlichkeiten, die Hitze – einfach alles, wirklich gut und nah schildern konnte. Es bauten sich Bilder auf beim lesen – ist ist ihr gut gelungen. Ich war auch direkt mitten drin.

Fazit: Ich freue mich schon sehr auf den zweiten Band, denn die Rahmenhandlung fasziniert mich nach diesem gelungenen ersten Band umso mehr! Und der zweite Kriminalfall scheint auch spannend zu sein. (Petra)

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Liebe Grüße,
Petra


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