Hallo zusammen,
in
“Die Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss“ bin ich ganz versunken. Ein wundervolles Buch, voller berührender Menschen (Figuren mag ich beinahe nicht sagen, so nah kommen sie mir), voller berührender Gesten und Szenen.
Die Geschichte der Liebe ist ein Roman, den Leo Gursky einst im polnischen Slonim geschrieben hat, und der verloren gegangen ist, als er aus Polen fliehen musste. Seine große Liebe Alma ist vor ihm geflohen, ihr war das Buch gewidmet. Von Leo handelt das Buch, von seiner Liebe, aber auch von seinem Sohn, den er mit Alma zusammen hat, und dem er nie Vater sein durfte. Weil Alma in Amerika einen anderen Mann geheiratet hat, im Glauben Leo sei tot. Leo nimmt aus der Ferne am Leben seines Sohnes teil. Leo gibt dem Roman die Hauptstimme. Aber auch ein Mädchen namens Alma, das nach einer Figur aus dem Buch benannt ist, das Leo geschrieben hat, gibt dem Roman ihre Stimme. Und dazwischen viele andere Menschen, deren Leben in irgendeiner Weise mit dem Buch verbunden sind.
Es gibt so unzählige Stellen in Nicole Krauss‘ Roman, von denen ich ergriffen bin. Von der Zärtlichkeit, die sie ihren Figuren entgegen bringt, und von den Schicksalen der Figuren, die sie mir näher und näher ans Herz wachsen lassen. Am tragischsten ist Leos Geschichte, deren Verlauf eine so böse Wendung nimmt, als die deutschen Panzer in Slonim einrollen, und damit den vorgezeichneten Lebensweg Leos grundlegend verändern, und ihm seine Liebe auf immer entreißen. Und von diesem anderen Leben, das er statt seines eigentlichen führt, bin ich zutiefst ergriffen.
Sehr gefallen hat mir auch eine Stelle im Buch, in der davon die Rede ist, wie die Menschen miteinander kommuniziert haben, bevor sie die Wörter erfanden. Nicole Krauss lässt hier Antonio Alberto de Biedma einfließen, der Fossilien mit 79 Gesten entdeckt hat, mit denen sich die Menschen verständigten. Nicole Krauss geht noch weiter, er soll kurz vor dem Sterben von Visionen heimgesucht worden sein, in denen ihm die Bedeutung der einzelnen versteinerten Gesten offenbart wurden. Sie hat mich damit so neugierig gemacht, dass ich im Internet nach Alberto Antonio de Biedma recherchierte, und überrascht feststellte, dass es ihn und die 79 fossilen Gesten tatsächlich gab. Da ich danach gesucht habe, kann es mich ja nicht gänzlich überrascht haben. Dennoch war ich freudig erstaunt über die Entdeckung, denn diese Passage war so mystisch in den Roman eingebunden, dass es auch vorstellbar gewesen wäre, dass sie vollständig frei erfunden war. Ich liebe es, wenn ein Autor mich so zu interessieren vermag, dass ich mehr in Erfahrung bringen möchte. Auch literarisch hat sie einige Spuren gelegt, die man versucht ist nachzuvollziehen. Hierzu hat die FAZ eine schöne Passage in einem Arikel (ganzer Artikel
HIER) geschrieben:
Wer will, kann unter diesen schriftbesessenen Versehrten die Spuren von Bruno Schulz, Jorge Luis Borges, Isaak Babel oder Isaac Bashevis Singer ausmachen oder sich über den ein oder anderen Schlenker in die Gegenwartsliteratur amüsieren. Doch diese Referenzen sind lediglich Spielmaterial, augenzwinkernde Verneigungen dieser auch literaturwissenschaftlich glänzend bewanderten Autorin.
@Alle: Mit Freude verfolge ich Eure Leseberichte. Besonders freut mich, dass „Der Berg“ von Dan Simmons bis zum Schluss so spannend und lesenswert war, Steffi. Meine Neugierde ist geweckt!
