Uwe Tellkamp: Der Turm

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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » So 7. Jun 2009, 11:14

Hallo Steffi,

steffi hat geschrieben:
Ich habe ein bißchen bei den Philosophen gestöbert. Vor allem bezüglich der Freiheit. Bei wikipedia steht dazu:
Die Unterscheidung der Freiheit nach „negativer“ und „positiver“ Freiheit geht zurück auf Immanuel Kant

Ich muss aber noch meine Gedanken dazu zusammenfassen !



ich stolpere auch immer wieder über Kant. Zufall? Ich weiß nicht.

Doch zuvor noch ein paar Ergebnisse die ich durch mein Stöbern erfuhr:

so sehen die Digedags aus, und so ihre Nachfolger, die Abrafaxe. Helden die Raum und Zeit überwinden und Abenteuer erleben.

dann habe ich mich durch den Wikipedia Artikel über die "Romantik" gelesen, da ich finde, dass die weiteren Kapiteln ziemlich überhäuft sind mit Motiven aus der Romantik. Selbst das nüchtern und kalt anmutende "Ostrom II. Barsano", dessen palastähnlicher Wohnstatt so funktionell eingerichtet ist, wenn auch die Funktion manchmal zu wünschen übrig ließ, was wiederum eine beträchtliche Komik in die ernste Situation brachte.

Motive der Romantik:
ich fang mal an mit ...

"Indigo" - ein tiefblauer Farbstoff. In der Romantik verkörpert die "Blaue Blume" die romantische Suche nach innerer Einheit, Heilung und Unendlichkeit. Die Heilung der Welt.

Die Nachtseite der Romantik ist auch nicht zu vergessen, die vorallen in ETA Hoffmanns Werk zu finden ist; Teufelspakten, Wahnsinn, Gespenstern usw...

Tag und Nacht wird auch im "Turm" gerne thematisiert... Tag-und Nachtfalter, schwarzes Bilsenkraut auch Hexenkraut genannt, ein Nachtschattengewächs....

In Kombination mit Vanille, dem man auch eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird, finde ich diese Farbzusammenstellung und auch die Gerüche sehr symbolträchtig, mit all den heranwachsenden Jugendlichen, die noch auf der Suche nach ihrer Identität sind und sich die ersten erotischen Berührungen entwickeln.

Ein vielleicht abwegiger Gedanke kam mir auch nochmals zum Begriff "Rom" . Wir fragten uns warum "Rom"? Vielleicht weil es ein Wortteil von "Romantik" ist ? (vielleicht zu abwegig gedacht).

Grundthemen der Romantik sind: Gefühl, Leidenschaft, Individualtität, sowie die gequälte Seele. Eine Reaktion auf die vernunftgegründete Philosophie der Aufklärung.

Es dreht sich wirklich alles wie im Kreis.

Der Niedergang der DDR-Kultur findet sich bereits ansatzweise im Kapitel "Ostrom II. Barsano". Der Redner spricht vom Defätismus und von Formalismus und davon, dass man in den Schulbüchern wieder Eichendorff entdecken kann.

Kapitel 30 Junge Frau in Windstille
sehr dramatisch !
aber sag mal, hat Richard nun .... oder hat er nicht ... mit der Nachbarin geschlafen. Der Absatz, der gemacht wurde, lässt mich spekulierend zurück.

Sie trat durch die Scherben auf ihn zu.

Absatz

Aber dann saßen sie und schwiegen.

Saßen sie "danach" zusammen und schwiegen, oder kams garnicht dazu? *grübel*

Richards Leben ist ganz schön verzwickt.

Warum das Kapitel "Junge Frau in Windstille" heißt konnte ich nicht ergründen.

Wenn Uwe Tellkamp die Pflanzenwelt, die Natur, die Düfte mit einwebt, dann fühle ich mich an Virginia Woolf erinnert.

Dein Gedanke über die Musik und dass man Musik nicht wie Literatur oder bildende Kunst, mit dem Verstand werten kann, lässt mich auch nicht mehr los. Vielleicht sind deswegen einige Familienmitglieder so auf die Musik fixiert.

Musik als Zwischenwelt.

Ich komme zum Kapitel 33 "Wehrlager".

Edit:
Die Kapitel werden länger! Das verändert den Rhythmus des Romans, findest du auch?

Ich lese gerade "Zwerg Nase" weil der Sohn von Frau Fischer Richard daran erinnert. Anscheinend kann man in der Geschichte politische Elemente finden:

Interpretation [Bearbeiten]
Wilhelm Hauff kommentiert in seinen Werken häufig die politische Situation seiner Zeit. Im Vormärz war Deutschland in zahlreiche kleine Länder zerfallen, jedes unter der Willkür seines Königs, Herzogs oder Grafen. Hauff träumte davon, deren Ungerechtigkeiten bestraft zu sehen. Und er glaubte, ein guter und starker König könne den Menschen Glück und Wohlstand bringen.

In Zwerg Nase schimmert seine Kritik auch durch die Namen der Speisen, die der verhexte Junge seinem Fürsten zubereiten muss: die Dänische Suppe, Rote Hamburger Klößchen und - auf speziellen Wunsch eines Fürsten, der zu Gast weilt - "die Königin der Speisen, die Pastete Suzeräne", eine deutliche Anspielung auf den politischen Begriff der Suzeränität. Kein Zufall also, dass Hauff an das Ende seiner Geschichte einen "Pastetenfrieden" stellt.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zwerg_Nase

Könnte es einen "Pastetenfrieden" für Frau Fischer und Richard geben? Rein rhetorisch gefragt ;-)



Liebe Grüße
Maria
Schöne Grüße
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » So 7. Jun 2009, 14:42

Im September erscheint:

Safranski: Romantik - Eine deutsche Affäre

ist sogleich auf meine Wunschliste gelandet, plus der Biographie über "August dem Starken".

:-)

Gruß,
Maria
Schöne Grüße
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon steffi » Mo 8. Jun 2009, 09:46

Hallo JMaria,

Im September erscheint:
Safranski: Romantik - Eine deutsche Affäre
ist sogleich auf meine Wunschliste gelandet
- endlich, auf die TB-Ausgabe warte ich schon lange !!

Es sind tatsächlich sehr viele Bezüge zur Romantik ! Sicher hast du auch die Anspielungen auf Hauffs "Der kleine Muck" bemerkt. Die Interpretation von meinem Lieblingsmärchen "Zwerg Nase" ist sehr interessant.

Barsano - seine Tochter haben wir ja schon kennengelernt, die Punkerin in der Behörde *g* Somit ist auch der Kommunismus von vorneherein unglaubwürdig in seiner Abgehobenheit und absoluten Richtigkeit. Auch ein Hinweis, dass es nun von der Aufklärung hin zru Romantik geht ? Die Motive hast du wunderbar herausgearbeitet, toll !

aber sag mal, hat Richard nun .... oder hat er nicht ... mit der Nachbarin geschlafen. Der Absatz, der gemacht wurde, lässt mich spekulierend zurück.

Ich rätsle auch darüber, aber ich würde sagen, möglich wäre es.

Ein vielleicht abwegiger Gedanke kam mir auch nochmals zum Begriff "Rom" . Wir fragten uns warum "Rom"? Vielleicht weil es ein Wortteil von "Romantik" ist ? (vielleicht zu abwegig gedacht).

Finde ich gar nicht abwegig - und wenn ich an die Namenslust Tellkamps denke, durchaus möglich !

Warum das Kapitel "Junge Frau in Windstille" heißt konnte ich nicht ergründen.

Mich erinnert das an den Titel eines Bildes - z.B. die Bilder von Caspar David Friedrich (auch ein Romantiker) haben oft so ähnliche Namen. Josta entzieht sich durch ihren Selbstmordversuch dem Leben ringsum. Obwohl sich das ganze Kapitel um sie dreht, kommt sie persönlich nicht vor - das repräsentiert für mich die Windstille.
Gruss von Steffi

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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » Mo 8. Jun 2009, 11:07

Hallo Steffi,

nur kurz, zu deinem Beitrag äußere ich mich später.

den Ausdruck "Musennest" prägte Durs Grünbein, ein in Dresden geborene Lyriker :

„Dresden: aus diesem Musennest kommt der beleidigte Schönheitssinn, die frühkindliche Trauer."

ich fand die Info im Wikipedia "Der Turm" .

Über "Tannhäuser" habe ich ebenfalls nachgelesen. Dazu könnte Ikarus sicherlich eine Menge schreiben. Es geht in dieser romantischen Oper um einen Sängerwettstreit. Die Oper wurde am 19. Oktober 1845 im Königlich Sächsischen Hoftheater (Semperoper) in Dresden uraufgeführt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Tannh%C3%A ... f_Wartburg

Leider habe ich den Tannhäuser nicht auf CD; sonst hätte ich sie schon längst mal angehört. Welche Aufnahme wohl empfehlenswert ist? Ich muß mal bei Amazon nachforschen.

Liebe Grüße
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » Di 9. Jun 2009, 10:09

Hallo Steffi,

steffi hat geschrieben: Es sind tatsächlich sehr viele Bezüge zur Romantik ! Sicher hast du auch die Anspielungen auf Hauffs "Der kleine Muck" bemerkt. Die Interpretation von meinem Lieblingsmärchen "Zwerg Nase" ist sehr interessant.


nein, das habe ich wiederum nicht bemerkt. *grübel*


Barsano - seine Tochter haben wir ja schon kennengelernt, die Punkerin in der Behörde *g* Somit ist auch der Kommunismus von vorneherein unglaubwürdig in seiner Abgehobenheit und absoluten Richtigkeit. Auch ein Hinweis, dass es nun von der Aufklärung hin zru Romantik geht ? Die Motive hast du wunderbar herausgearbeitet, toll !


Barsanos Tochter hatte ich bereits wieder vergessen. *g*


Finde ich gar nicht abwegig - und wenn ich an die Namenslust Tellkamps denke, durchaus möglich !


Namenslust - sehr schön ausgedrückt. Mit diesen fantasievollen und auch deutungsschwangeren Namen ersteigen Leser auch "Türme" :-)

Steffi hat geschrieben:
Warum das Kapitel "Junge Frau in Windstille" heißt konnte ich nicht ergründen.



Mich erinnert das an den Titel eines Bildes - z.B. die Bilder von Caspar David Friedrich (auch ein Romantiker) haben oft so ähnliche Namen. Josta entzieht sich durch ihren Selbstmordversuch dem Leben ringsum. Obwohl sich das ganze Kapitel um sie dreht, kommt sie persönlich nicht vor - das repräsentiert für mich die Windstille.


vielen Dank für die Aufklärung. Jetzt ist mir einiges klarer. Stimmt, die Bilder von Caspar David Friedrich haben ähnlich Titel, wie z.B. "Frau am Fenster", "Mönch am Meer". Und da sind auch seine transzendal-wirkende Bilder, die durchaus in die Situation der grenzüberschreitende Wahrnehmung passen würde.

wie weit bist du?

Liebe Grüße
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon steffi » Di 9. Jun 2009, 10:16

Hall JMaria,

Durs Grünbein scheint ein interessanter Dichter zu sein, bekam auch den Georg-Büchner-Preis. Hier eine interessante Rezension über das Versepos Vom Schnee.

Bezüglich der Philosophie bin ich auf die Geschichtsphilosophie gestoßen, die ja auch schon Schiller geprägt hat. Natürlich wieder Kant, der über seinen Freiheitsbegriff (eine Entscheidung ist nur möglich, wenn es Freiheit gibt) zu einer vollkommenen Gesellschaft kommt. Karl Marx sieht ja die ökonomischen Zwänge als Einschränkung für die Freiheit und durch den Kommunismus soll eine Auflösung des Streits zwischen Freiheit und Notwendigkeit erreicht werden. Somit ist die Gesellschaft nicht allein von dem Menschen selbst abhängig sondern auch von materiellen Dingen.

Im Kapitel Barsano erfahren wir, dass die Mutter der Rohdes eine Revolutionärin war. Ob das noch weitere Auswirkungen hat ? Oder ist die Familie dadurch angesehener und ihre kritischere Haltung kann eher toleriert werden ?

Das Kapitel Wehrlager ist wieder in einem sehr modernen Stil - er fängt in einer Art Bewußstseinstrom an, viele Adjektive und Farben, es erinnert mich an Impressionismus. Ich möchte zur Erinnerung auch noch die Stilmittel der modernen Literatur aufzählen:
-innerer Monolog
-Verfremdung
-Metaphern
und speziell des Impressionismus: Sekundenstil, Flucht vor Realität

Vieles findet man in dem Kapitel wieder, das aber von seinem Inhalt abweicht von der Leichtigkeit des Stils. Diese Ambivalenz gefällt mir gut !

nochmal zum Titel "junge Frau in Windstille" - Frau Schmücke malt ja expressionistische Bilder, also könnte mein Verdacht, es klinge wie ein Titel eines Bildes stimmen. Allerdings könnte auch die Malerin die junge Frau in Windstille sein ?

Ich komme zu Kapitel 34 Die Askanische Insel.
Gruss von Steffi

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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » Fr 12. Jun 2009, 09:58

Hallo Steffi,

steffi hat geschrieben: Das Kapitel Wehrlager ist wieder in einem sehr modernen Stil - er fängt in einer Art Bewußstseinstrom an, viele Adjektive und Farben, es erinnert mich an Impressionismus. Ich möchte zur Erinnerung auch noch die Stilmittel der modernen Literatur aufzählen:
-innerer Monolog
-Verfremdung
-Metaphern
und speziell des Impressionismus: Sekundenstil, Flucht vor Realität

Vieles findet man in dem Kapitel wieder, das aber von seinem Inhalt abweicht von der Leichtigkeit des Stils. Diese Ambivalenz gefällt mir gut !


deine Erklärung gefällt mir sehr gut. :-)
mir fiel sofort diese Dissonanz auf: eine impressionistischer Beginn, mit Düften und Blumen, Vogelrufe .... und dann so ein ernstes Thema "Wehrlager".

Das Wort "Dissonanz" benutzt Uwe Tellkamp auch selbst in dem Kapitel zu anfangs:

Dissonanz: eine Distel auf einer Streuobstwiese

solche Bilder prägen sich einfach ein.

(ich habe das Gefühl, es kamen bereits öfters Begriffe vor, wie diese "Dissonanz", die man in mehreren Bereichen anwenden kann, z.B. in der Musik, wie auch in der Psychologie)

Auch die Absätze im Anfang vom Kapitel "Wehrlager" sind anders gestaltet. Mehrmals wird nach Kommata wird ein neuer Absatz gemacht; sogar eine Großschreibung nach dem Komma ist zu finden ....eine getigerte, Dutzende Katzen hockten in der Sonne,...

das würde zum Bewußtseinstrom passen.

Im Kapitel 34 "Die Askanische Insel"
bemerken wir, dass Meno neben seinem "Schreiben" auch noch "Tagebuch" führt. Du fragtest kürzlich danach, ob es Tagebuchaufzeichnungen sind. Ich glaube, eher beides. Er schreibt an seinen Erinnerungen und an einem Tagebuch. Oder was meinst du?

Ich war wirklich schockiert über die Relegation ja oder nein und wie die Familie Hoffmann dem begegnete (Bestechung). Man vergißt als (West-)Leser, wie es in der DDR zuging, weil man sich das garnicht so recht vorstellen kann. Sogar die erste Liebe (Kapitel 36) darf Christian nicht genießen und nicht trauen, er könnte ja nur ausgehorcht werden. Wie traurig !

Übrigens, Heinrich Heine war auch von Relegation betroffen und er schrieb auch ein Gedicht über eine versunkene Stadt namens Vineta. Das so nebenbei; ich finde es passt irgendwie her.

richtig surrealistisch kam mir der Gang zu Sperbers Kanzlei vor, durch die "Rosenschlucht, im Tal der Schwarzen Schwester befanden sich die DEFA-Studios", Peitschenlaternen, ein riesiger Sandmann grüßt, ein Hubschrauber kam langsam auf ihn zu, auf einem dritten Wagen der Schlafsand.... die Kulissenwagen schienen von allein zu fahren, ferngesteuert... und hinter der Wildnis ein Dschungel von Agaven und Orangenbäumen, weil durch irgendwelche undichten Rohre, etwas leckt. Aus etwas Unheilvollem entpuppt sich ein Biotop, wie die Schmetterlingspuppe, die aufplatzt und ein tagaktiver Nachtfalter herauskommt....

Metaphern wiederholen sich !

und dann wird über Christians Zukunft in Sperbers Büro auch noch gewürfelt !

Hast du bemerkt, dass in einem Kapitel (ich müßte nochmals nachschauen) einige Edelsteine genannt wurden; Saphire, Amethyst u.a. Das hat sicher etwas zu bedeuten.

Mit dem Großkritiker Wiktor Hart (Kapitel "Dresdner Edition) ist somit Marcel Reich-Ranicki gemeint.

Der letzte Satz aus der "Dresdner Edition" ist erwähnenswert *g*:

Weil Papier knapp und der Plan heilig war, weil Druckmaschinen knapp waren, weil Druckerschärze auch schon knapp gewesen war, weil Drucker knapp sein würden, weil zu alledem die knappe Zeit und Koordinationsschwierigkeiten mit der Zentrale in Berlin kamen, würde die Manuskripte des Lektorats 7 dann gedruckt werden, wenn all diese Knappazitäten einmal nicht knapp gewesen sein würden

:lol:

Danke für den Link zu der Buchbesprechung eines Buches von Durs Grünbein. Sehr interessant, und schon wieder sind wir bei einem Philosophen (René Descartes) gelandet.

Im Kapitel Barsano erfahren wir, dass die Mutter der Rohdes eine Revolutionärin war. Ob das noch weitere Auswirkungen hat ? Oder ist die Familie dadurch angesehener und ihre kritischere Haltung kann eher toleriert werden ?


und es scheint noch tiefer zu gehen, wenn man den Schluss des Kapitels "Erste Liebe" hernimmt, wo Menu erwähnt, dass anscheinend der Großvater von Christian die Großmutter anzeigte. Was ist da nur passiert? Das ist schon spannend !

Ich komme zum Interludium 1984 und kann mir noch garnicht vorstellen, welches Zwischenspiel das sein könnte.

was für ein gut durchkomponierter Roman.

Liebe Grüße
Maria
Schöne Grüße
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon steffi » Mo 15. Jun 2009, 09:43

Hallo JMaria,

Das Wort "Dissonanz" benutzt Uwe Tellkamp auch selbst in dem Kapitel zu anfangs:

Dissonanz: eine Distel auf einer Streuobstwiese


Dissonanz - das trifft es genau ! Sie wird immer wieder deutlich und thematisiert.

richtig surrealistisch kam mir der Gang zu Sperbers Kanzlei vor

Ja, das war toll gemacht - und die Verfremdung gehört ja auch wieder zu einem sehr modernen Stil, gleichzeitig passt es aber auch zu den Märchen, grade auch das mit dem Würfeln erschien mir wie eine moderne Hauff-Interpretation. Die äußeren Zwänge sind doch sehr bedrückend, man kann es sich wirklich kaum vorstellen. Dann aber wieder die unbeschwerte Zeit im Haus des Großvaters, allerdings sind doch die familiären Zusammenhänge seltsam. Da bin ich gespannt, was noch passiert.

Die Edelsteine sind mir nicht aufgefallen ... :oops:

Ich komme nun zum zweiten Teil.
Gruss von Steffi

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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon JMaria » Do 18. Jun 2009, 10:15

Hallo Steffi,

was meinst du, warum setzt er ein "Interludium" ein und warum gerade "1984"?

Es beginnt mit einer Innenwelt:
Abends öffneten sich Türen in den Traum. Abends blieben die Hüllen der Körper, wenn das mutabor gesprochen war.

nach dem Satz fühlte ich mich irgendwie schwerelos.

doch dann die Außenwelt:
Im Januar '84 quollen die Mülltonnen über, die Asche mußte in den Schnee daneben geschüttet werden.... empahl, Kalk über die Abfälle zu schichten.


Müllberge ! Kein schönes Bild.
Asche im Schnee ! Schlimmer kann Schnee kaum aussehen. Von reinweiß zu grau.


Die Leute stehen Schlange.

Jeder wartet auf etwas.

Winterspiele in Sarajevo. Zum ersten mal in einem sozialistischem Land !

Jetzt, während ich das hier schreibe, kann ich meine Frage, warum "1984" selbst beantworten. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen:

Es ist Lektüre-Zeit: Orwell wird gelesen.

Natürlich: Orwells Roman "1984" thematisiert einen totalitären Überwachungsstaat.

Das "Interludium" verzögert mMn die Handlung. Es beginnt etwas Neues. Es lässt uns kurz innehalten, bevor der Höhepunkt kommt.

Buch II wird "Die Schwerkraft" betitelt. Vielleicht kommen wir ja noch dahinter, was das bedeutet.

Ich komme nun zum 38. Kapitel "Einberufung".

Liebe Grüße
Maria
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Re: Uwe Tellkamp: Der Turm

Beitragvon steffi » Fr 19. Jun 2009, 11:37

Hallo JMaria,

das Interludium hat mich ein bißchen irritiert - denn ich sehe ein Interludium als eine Art Zwischenspiel, Auflockerung oder Hinführung zu etwas neuem. Aber während des Lesens habe ich das nicht direkt gefunden, eher der Hinweis, dass sich im Ausland etwas tut und ich fand es insgesamt eher bedrückend.

"Die Schwerkraft" - ja, darüber habe ich auch schon gegrübelt. Ein sehr rätselhafter Titel. Vielleicht, weil man der Zukunft nicht ausweichen kann ? Es ist eine gewisse Passivität darin zu erkennen, aber auch eine natürliche Entwicklung, der man nicht entkommt.

Ich bin mit dem ersten Kapitel des zweiten Teils noch nicht weit gekommen, Meno-und-Schevola-Kapitel sind für mich immer etwas sperrig.
Gruss von Steffi

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